Werte sind Verhandlungssache

Über Werte wird viel geredet. Gerade Putins Überfall auf die Ukraine hat die Wertediskussion erneut intensiviert. Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit seien bedroht, hört man. Es gelte, «unsere» Werte gegen Anfechtungen und Angriffe seitens autokratischer Regime zu verteidigen. Doch was genau ist gemeint, wenn wir über Werte debattieren? Was macht das Wesen der Werte aus? Darüber sprechen wir mit dem Philosophen Andreas Urs Sommer.

Text: Esther Wyler

Herr Sommer, was sind denn überhaupt Werte?

Der Wertebegriff findet heute in der Umgangssprache, der Politik, aber auch in der Philosophie und Theologie einen vielseitigen und uneinheitlichen Gebrauch. Was genau die Rede von Werten meint, ist klärungsbedürftig.

Offensichtlich sind Werte keine körperlichen Gegenstände. Es gibt sie nicht so, wie es Schuhe, Birnbäume oder Strassenbahnen gibt. Nun gibt es Denkerinnen und Denker – ich nenne sie die Werteobjektivisten – , die der Auffassung sind, dass es sich bei Werten ähnlich verhält wie bei wissenschaftlichen Tatsachen, die man nur zu entdecken brauche. Als Beispiel können wir das Newtonsche Gravitationsgesetz nehmen. Es besagt, dass sich alle Körper aufgrund ihrer Masse gegenseitig anziehen. Für die Erde gilt dann: Alle Körper auf der Erde werden von dieser angezogen. Der englischer Physiker, Mathematiker und Astronom Isaac Newton hat dieses Phänomen im 17. Jahrhundert entdeckt, als er sich angeblich zu erklären versuchte, weshalb Äpfel und andere Gegenstände eigentlich immer nach unten zum Erdboden fallen, warum nicht nach oben oder zur Seite. Seine Beobachtung konnte er mathematisch berechnen und als Naturgesetzmässigkeit nachweisen. Das heisst, die Idee der Objektivsten ist, dass wir Werte so entdecken können, wie dies bei wissenschaftlichen Sachverhalten der Fall ist. Wenn Werte demnach eine subjekt‑unabhängige Wirklichkeit hätten, dann müsste man sich allerdings fragen, was man denn beispielsweise beim Wert der Freiheit genau entdeckt? Freiheit spielt ja in der politischen Diskussion eine grosse Rolle. Alle reden über Freiheit, aber wenn man genauer hinhört, stellt man fest, dass der eine unter dem Namen Freiheit dies meint und der andere das. Wir können von Freiheit keinen Begriff bilden, der für alle und überall die gleiche Bedeutung hat. Deshalb glaube ich nicht an die Entdeckungs- und Findungstheorien der Objektivisten.

Können Sie Ihr Verständnis von Werten erklären?

Für mich sind Werte, wie wir gesehen haben, sicher keine physischen, aber eben auch keine zeitlos existierenden und allgemeingültigen geistigen Gegenstände bzw. wissenschaftlichen Tatsachen, sondern bei Werten handelt es sich meiner Ansicht nach um kommunikative Realitäten. Werte sind, insofern wir über sie sprechen, insofern wir sie durch unsere kommunikative Interaktion zum Leben erwecken. Ich sehe Werte als regulative Fiktionen, als etwas, was Menschen erfinden und sich ausdenken, um sich in der Welt und in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Werte dienen dazu, die Art und Weise, wie wir in der Gemeinschaft leben wollen, aber auch, wie wir uns selbst verstehen wollen, auf den Punkt zu bringen. Was sind für mich die leitenden Präferenzen, was ist das, was in meinem Leben aber auch in meinem Gruppenzusammenhang wirklich zählt? Werte sind nichts Felsenfestes, was wir sozusagen nur vorfinden müssen, um es dann 1:1 übertragen zu können. Werte sind eben nicht universell, sondern situativ, dynamisch, wandelbar und immer vorläufig. Wir müssen uns über das Gewollte und Gesollte immer wieder neu verständigen. So wie sich unsere Lebenssituation ständig verändert, variieren auch unsere Wertvorstellungen. Rangierte beispielsweise gestern noch die Freiheit zuoberst im brüchigen Wertegefüge, tut dies heute die Sicherheit, und übermorgen vielleicht die Gleichheit. Wir können nicht voraussetzen, dass es die Werte einfach so gibt. Es ist deshalb wichtig, dass solche Wertevergewisserungsprozesse in der Gesellschaft immer wieder stattfinden.

Werte sind eben nicht universell, sondern situativ, dynamisch, wandelbar und immer vorläufig. Wir müssen uns über das Gewollte und Gesollte immer wieder neu verständigen.

Sie sagen, dass Werte immer in der Vielfalt da sind. Können Sie das erklären?

Wenn wir von einer Wertegesellschaft sprechen, dann sind Werte eben immer in Gesellschaft. Das heisst, sie kommen sich unentwegt ins Gehege und relativieren sich gegenseitig, sie kommunizieren und interagieren miteinander. Es gibt immer einen Widerstreit von Werten, weil wir Situationen aus unserem unterschiedlichen Herkommen und unseren ganz unterschiedlichen Positionierungen im Leben auch immer ganz unterschiedlich beurteilen. Es gibt nicht den einen Wert, und das ist sehr positiv. Wir müssen uns immer wieder neu fragen, in welchem Verhältnis die eingebrachten Wertvorstellungen zueinander stehen.

Kann es in einer Gesellschaft überhaupt so etwas wie einen Wertekonsens geben? Ist das nicht eine Illusion?

Die Frage ist, ob ein Wertekonsens überhaupt erstrebenswert ist. Ich finde es nicht problematisch, wenn wir voneinander abweichende Wertvorstellung haben. Wichtig ist, dass wir uns auf bestimmte Rahmenbedingungen einigen, die einzuhalten sind. Das gilt für eine Familie genauso wie für ein politisches Gemeinwesen. Nehmen wir als Beispiel das politische System der Schweiz. In einer halbdirekten Demokratie wie wir sie hier haben, sind wir einerseits darauf gepolt, dass man sich immer wieder zusammenrauft und einen Kompromiss findet, was man tun will, andrerseits ist dieses System aber keineswegs auf einen Konsens hin orientiert, wo am Schluss alle zufrieden sind. Verschiedene Akteurinnen und Akteure ringen aus oft sehr unterschiedlichen Positionen heraus um die Regeln unseres Zusammenlebens. Es tut Gesellschaften gut, sich auf Rahmenbedingungen zu einigen und diese festzuschreiben, so wie dies in der Schweiz in der Bundesverfassung und in vielen Gesetzen geschieht. Beispielsweise fällt unter die etablierten schweizerischen Rahmenbedingungen das allgemeine Stimm- und Wahlrecht. Wer mindestens 18 Jahre alt ist und das Schweizer Bürgerrecht besitzt, kann an Wahlen und Abstimmungen teilnehmen. Er oder sie kann auch ein Referendum gegen ein Gesetz ergreifen oder eine Volksinitiative lancieren. Allgemein akzeptiert ist auch, dass die Abstimmungsresultate respektiert werden, selbst wenn Sie oder ich zu den Abstimmungsverlierern gehören. Jede innenpolitische Kraft in der Schweiz ist eine Minderheit, auch wenn sie die stärkste Partei ist. Das heisst, man muss sich immer wieder Gedanken machen, was wichtig ist. Und jede und jeder darf und soll seinen Standpunkt einbringen. Ein inhaltlicher Wertekonsens ist nicht notwendig, nicht alle müssen dieselben Wertvorstellungen haben, aber ein politisches System muss in der Lage sein, die unterschiedlichen Werte der Menschen in einer gemeinsamen Entscheidung einzufangen.

Es ist viel von Wertewandel die Rede, oft wird in diesem Zusammenhang sogar ein Werteverlust oder Wertezerfall beklagt. Was ist Ihr Kommentar zu diesen Bedenken?

Gesellschaften sind sehr stark Wertewandeln unterworfen und das ist auch gut so. Die Befürchtung, wir seien in einer Zeit des Wertezerfalls, in einer Art von Niedergang der Werte, halte ich für fehlgehend. Im Gegenteil, wir leben in einer Gesellschaft, die sich über ihre Werte selbst verständigt und herausfindet, was für sie wichtig ist. Wir haben erkannt, dass wir immer wieder neu bestimmen müssen, was zählt und welche Werte wir hochhalten wollen. Diesen Prozess der Selbstvergewisserung scheint mir in hohem Masse heilsam und ich sehe darin weder einen Wertezerfall noch eine Form einer allgemeinen kulturellen Dekadenz.

Wir alle sind, was unsere Werte betrifft, in einem ständigen Reflexions- und Wandlungsprozess. Nichts ist in Stein gemeisselt.

Es ist ein Zeichen von gesellschaftlicher Reife, dass wir einerseits eine Pluralität von Werten haben und andrerseits auch damit umgehen können. Wir haben kein festes Setting von Werten in dem Sinne, dass wir sagen würden, ganz oben steht zum Beispiel die Freiheit, dann kommt die Nachhaltigkeit, die Solidarität oder was immer Sie wollen. Wir müssen Werte immer wieder neu verhandeln und so, wie sich unsere Situation und Weltsicht verändern, verschieben sich auch die persönlichen und gesellschaftlichen Werte.

Neue Herausforderungen provozieren auch neue Wertesetzungen oder bestimmte bestehende Wertevorstellungen werden priorisiert, dann, wenn eine Dringlichkeit besteht. Die Auswirkungen der Klimakrise beispielsweise haben ökologische Interessen in den Vordergrund gerückt und ich habe den Eindruck, dass die Wichtigkeit dieses Anliegens oder der ökologischen Wertesetzung doch schon relativ weit durchgedrungen ist. Heutzutage kann es sich keine politische Partei mehr leisten, ohne ein grünes Programm aufzutreten. Dass das 21. Jahrhundert ökologisch kein unproblematisches sein wird, ist den meisten Menschen mittlerweile klar geworden.

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine und angesichts der aktuellen Situation in der Ukraine ist im Moment oft von einer Zeitenwende die Rede. Sehen Sie heute auch eine Zeitenwende der Werte?

Ich habe Mühe mit grossen Worten. Seit es unsere Spezies gibt, haben wir immer in bewegten Zeiten gelebt. So oder so erleben wir im Moment einen ganz harten Bruch im Hinblick auf die Werte, die man fast schon vergessen glaubte, nämlich die Werte der militärischen Sicherheit und der militärischen Abschreckung. Lange Zeit herrschte zumindest in Europa in dieser Hinsicht Schönwetter-Rhetorik vor. Nun sind wir plötzlich damit konfrontiert, dass Machtpolitik erneut militärisch ausgetragen wird und sich letztlich gegen die freiheitlich-demokratische Werteordnung des Westens insgesamt richtet. Die Frage der militärischen Verteidigung und auch der militärischen Offensivkraft ist ganz offensichtlich doch nicht so obsolet, wie weite Kreise in der Vergangenheit gehofft haben. Viele Pazifisten fühlen sich hin und her gerissen zwischen einem konsequenten Pazifismus und den Bitten der Ukraine um militärische Hilfe gegen den Angriff aus Russland. Das ist für viele ein Dilemma. Mir selbst geht es auch so. Auch meine Bereitschaft, dem Staat als Bürger zu erlauben, mehr Geld für das Militär auszugeben, ist heute unter dem Eindruck des Geschehenen anders als noch vor einem halben Jahr. Dennoch würde ich nicht von einer Zeitenwende der Werte sprechen, sondern von einem Umbruch, der unsere Werteorientierung in Frage stellt. Sicherheitsinteressen und die Frage der Energieversorgung stehen plötzlich ganz oben und verdrängen zeitweilig die internationalen Klimaziele. Wir alle sind, was unsere Werte betrifft, in einem ständigen Reflexions- und Wandlungsprozess. Nichts ist in Stein gemeisselt.

Letze Frage: Was sind für Sie persönlich wichtige Werte? Welche Werte sind für eine Demokratie wichtig?

Ein zentraler Wert ist die Freiheit, das gilt sowohl für ein demokratisches Staatswesen als auch für mich selbst als aufklärerisches und sich selbst aufklärendes Individuum. Freiheit verstehe ich als Mündigkeit, dass wir uns selbst zutrauen, die Dinge in die Hand zu nehmen. Freiheit ist nichts, was uns von höherer Stelle, von Gott oder von einer Staatsmacht, gewährt worden ist, sondern etwas, was uns zukommt. Mit der Freiheit verbunden ist jedoch auch die Pflicht, sie verantwortungsvoll zu nutzen. Freiheit kann nicht bedeuten, dass wir Raubbau an unserem Planeten betreiben, sondern Freiheit muss sich mit Nachhaltigkeit paaren, mit einer Art der Rücksichtnahme und des Respekts für die Angehörigen unserer eigenen Spezies, aber keineswegs nur für die, auch unsere Mitwelt, die Natur und die Tiere, haben einen Anspruch, von uns Menschen möglichst unbehelligt zu bleiben. Freiheit, Gerechtigkeit, den Gedanken der Nachhaltigkeit, Respekt und Rücksichtnahme, das sind alles Werte, die mir wichtig sind und die ich hochhalten möchte.

Wie wir gesehen haben, hat auch der Wert der Sicherheit durch den Angriff Russlands auf die Ukraine einen markanten Bedeutungszuwachs erfahren. Ich verstehe Sicherheit nicht nur in einem militärischen Sinne, sondern umfassender. Gemeinwesen müssen eine Partizipationskultur installieren, so dass alle Bewohner:innen ein Recht auf Beteiligung, Teilhabe, Mitwirkung und Einbeziehung haben und nicht «von oben» entschieden wird, was zu tun ist. Das setzt aber auch voraus, dass wir bereit sind, Verantwortung zu tragen und uns für unsere Anliegen einzusetzen. Mit der Mündigkeit, die mit der Freiheit verschmilzt, ist das Recht und gleichzeitig die Pflicht zur Partizipation verbunden. In der Schweiz haben wir dafür neben dem allgemeinen Stimm- und Wahlrecht die Möglichkeit, eine Initiative zu starten oder das Referendum gegen ein Gesetzesvorhaben zu ergreifen.

Für mich als Philosophen ist auch die Freiheit der Reflexion ein zentraler Wert, oder die Freiheit des Denkens, wenn Sie so wollen. Dies ist nicht nur etwas, was für professionelle Philosophen:innen wichtig ist, sondern für alle Menschen. Denken ist ein Teil unserer Wirklichkeit, durch die Art und Weise, wie wir über unsere Gesellschaft denken und reden, formen wir sie mit. Wir Menschen sind reflektierende Wesen und entsprechend ist auch die Achtung vor der abweichenden Meinung des anderen unabdingbar. Das ist manchmal hart, wenn wir davon überzeugt sind, die richtige Einsicht zu haben und der andere möglicherweise ein Brett vor dem Kopf hat, was derjenige natürlich auch von uns behaupten wird. Akzeptieren zu können, dass der andere anders ist und die Dinge auch mal im Raum stehen lassen, das scheint mir für ein nicht ständig polemisches Zusammenleben wesentlich zu sein.

© Katharina Grätz

Andreas Urs Sommer, 1972 in Zofingen geboren, ist Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Kulturphilosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (im Breisgau) sowie Leiter der Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
Im Verlag J. B. Metzler ist sein Buch Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt erschienen.

Hinweis:
SRF, Sternstunde Philosophie, Sendung vom 11.06.2017, Freiheit, Toleranz & Co. – Wozu brauchen wir Werte? Ein Streitgespräch über den Wert von Werten.

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