Vom Vertrauen – Teil 2

Es wird in diesen Tagen viel über Vertrauen gesprochen. Gerade in der Corona-Pandemie stellt sich oft die Vertrauensfrage: Wem kann man noch glauben, wenn Behörden und Wissenschaftler ihre Erkenntnisse, Meinungen und Empfehlungen ständig wieder anpassen? Mit dem Philosophen Martin Hartmann sprechen wir darüber, wie wichtig Vertrauen für uns selbst und für die Gesellschaft ist.

Text: Esther Wyler

Wenn von Vertrauen die Rede ist, werden oft die Begriffe Urvertrauen oder Weltvertrauen verwendet. Was ist damit gemeint?

Ich würde für beide Worte den Oberbegriff Grundvertrauen verwenden und das Urvertrauen und das Weltvertrauen als Varianten des Grundvertrauens verstehen. Wenn Niklas Luhmann sagt, ohne Vertrauen würden wir morgens nicht aus dem Bett steigen, dann zielt er genau auf dieses Grundvertrauen. Ohne Grundvertrauen wären wir nicht handlungsfähig.

Den Begriff Urvertrauen hat der Psychologe Erik Erikson in seinem 1950 erschienenen Buch «Kindheit und Gesellschaft» geprägt (Erikson hat es auf Englisch geschrieben und von «basic trust» gesprochen, erst in der deutschen Übersetzung wird «Urvertrauen» daraus). Das Urvertrauen entwickelt sich stetig ab Geburt und wird genährt durch verlässliche, stabile, liebende und umsorgende Zuwendungen von Bezugspersonen. Sie verschaffen dem Kind eine innere emotionale Sicherheit, welche später zu Vertrauen in die Umgebung, den Mitmenschen und die Welt ermöglicht. Die Fähigkeit des Urvertrauens kann als Errungenschaft eines geglückten frühkindlichen Sozialisationsprozesses betrachtet werden. Das Urvertrauen ist die psychologische Variante des Grundvertrauens.

Mit Weltvertrauen wird die existenzielle Form des Grundvertrauens bezeichnet. Es zeigt sich in der Selbstverständlichkeit, mit der wir unseren Alltag bewältigen. Dieses Weltvertrauen ist im Zitat von Niklas Luhmann auch gemeint. Unter normalen Umständen zweifeln wir nicht an der Stabilität eines Gebäudes oder am Faktum des täglichen Sonnenaufgangs. Wir verlassen uns darauf, dass die Gesetze der Schwerkraft gelten und die Luft zum Atmen sauber genug ist, um ein halbwegs gesundes Leben zu ermöglichen. Auch gehen wir im Normalfall davon aus, dass uns die Mitmenschen ohne bösartige Hintergedanken gegenübertreten.

Wie wichtig ist das Selbstvertrauen und woher gewinnen wir es?

Selbstvertrauen ist sehr wichtig. Im Vertrauen mache ich mich verletzlich. Je grösser mein Selbstvertrauen ist, desto eher bin ich bereit, diese Verletzbarkeit zu riskieren und anderen zu vertrauen. Ich muss dann auch mit einem möglichen Missbrauch meines Vertrauens klarkommen.

Wenn ich durch meine Eltern sehr viel Zuwendung und Zuneigung erfahre, kann ich ein solides Selbstwertgefühl und damit ein intaktes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen entwickeln. Eine positive Entwicklung von Urvertrauen ist deshalb die Basis für die Gewinnung von Selbstvertrauen, Vertrauen in andere und Vertrauen in die Welt. Das hängt alles zusammen. Habe ich als Kleinkind wenig Anerkennung und Zuspruch erhalten, habe ich sicher ein gebrochenes Selbstverhältnis. Das führt dann vielleicht dazu, dass ich als Mensch sehr vorsichtig, skeptisch oder einfach wenig vertrauensvoll bin.

Allerdings ist der Einfluss der frühen Kindheit nicht absolut: Eine positive Entwicklung ist auch bei ungünstigen familiären Verhältnissen möglich, wie umgekehrt eine problematische Entwicklung trotz guten familiären Verhältnissen.

Wie wichtig ist Vertrauen für den Zusammenhalt einer Gesellschaft?

Für eine lebendige demokratische Gesellschaft ist das Vertrauen, welches Bürgerinnen und Bürger einander und dem politischen Personal entgegenbringen zweifellos wichtig. Doch wir können nicht sagen, dass eine einzige Kraft Gesellschaften zusammenhält. Vertrauen ist nur einer von vielen Faktoren. Auch in totalitären Staaten existieren Gesellschaften, obwohl sie dort auf Misstrauen und Kontrolle beruhen. Doch die Qualität solcher Gesellschaften ist schlecht und wir möchten nicht in ihnen leben müssen. Eine Gesellschaft, die es schafft, ein hohes Vertrauensniveau zu etablieren, ist aus meiner Sicht sicher eine bessere Gesellschaft.

Wie bereits erwähnt ist heute oft von einer angeblich bestehenden Vertrauenskrise die Rede. Durch Corona hat diese Diagnose noch an Schub gewonnen. Umfragen sollen belegen, dass das Vertrauen der Menschen in ihre Regierung, in politische Parteien, die Medien und die Wirtschaft schwindet. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube nicht an die eine allumfassende Vertrauenskrise. Es ist auch nicht so, dass es keine vertrauenswürdigen Menschen mehr geben würde. Ich sehe die Krise eher darin, wie wir selbst mit Vertrauen umgehen.

Wir ängstigen uns vor dem Vertrauen, vertrauen dem Vertrauen nicht. Wir wollen keine Verletzungen riskieren und fürchten uns vor dem Kontrollverlust. Wir tun viel, um nicht vertrauen zu müssen. Viele schotten sich ab und umgeben sich analog oder im Internet nur mit Gleichgesinnten, um ihre Meinung zu einem bestimmten Thema bestätigt zu bekommen.

Gerade Corona führt uns jedoch überdeutlich vor Augen: Es ist eine Illusion, alles unter Kontrolle halten zu können. Dieses Risiko ist nicht kalkulierbar. Vertrauen ist eine Kategorie der Ungewissheit: Man kann nur hoffen.

Und diese Ungewissheit ist sehr schwer auszuhalten?

Ja, es ist verständlich, dass wir uns in vielen Bereichen verunsichert fühlen. Zudem hat Corona und die zur Eindämmung der Pandemie getroffenen Massnahmen das Leben von vielen Menschen auf den Kopf gestellt. Wir wollen wissen, wie es weiter geht und was als nächstes kommt. Und da uns dies niemand mit letzter Sicherheit sagen kann, verbleiben wir ein Stück weit in der Ungewissheit.

In der aktuellen Situation sehen Verschwörungstheoretiker und Desinformierende eine besondere Chance, die bestehenden Ängste und Unsicherheiten für ihre Zwecke zu nutzen. In vielen dieser Theorien steht Bill Gates im Mittelpunkt. Ohne eindeutige Belege, die über Spekulationen hinausgehen, wird behauptet, dass Gates zusammen mit anderen Persönlichkeiten an der Kontrolle der Bevölkerung durch Impfungen und die Implementierung eines Chips arbeitet.

In der Ungewissheit entwickeln Menschen eine Neigung, sich die Welt einfacher zu machen, um der Komplexität der Situation zu entfliehen. Die Sehnsucht nach klaren eindeutigen Antworten ist gross. Es gibt nun einmal viele noch unbeantwortbare Fragen und das fordert uns alle heraus. Deshalb müssen wir auch nicht so tun, als wäre jeder, der misstrauisch ist, gleich ein Anhänger von Verschwörungsmythen.

Unter dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump mit seinen Falschaussagen, glatten Lügen und irreführenden Behauptungen verkam das Weisse Haus zu einem Hotspot der Desinformation. Wie können und konnten ihm so viele Menschen dennoch vertrauen? Oder ist das Vertrauen für diese Menschen gar nicht wichtig?

Die Leute, die Trump wählen, vertrauen ihm. Das klingt zwar komisch, weil er andauernd lügt und ein ganz fürchterlicher Mensch ist. Wir müssen wohl wegkommen von der Vorstellung, dass man nur ehrlichen oder wahrhaftigen Menschen vertrauen kann. Es geht in diesem Zusammenhang vielmehr darum, dass für die Trump-Wählerinnen seine offensichtlichen Lügen Werte widerspiegeln, die sie teilen.

Die Sehnsucht nach klaren eindeutigen Antworten ist gross.

Was sind das für Werte?

Trump steht für das traditionelle Geschlechterverhältnis, für eine sehr grosse Wirtschaftsnähe, für den «American Way of Life», der mit den traditionellen Energien verbunden ist (Kohle, Gas, Atomkraft), für bestimmte religiöse Werte. Er ist Abtreibungsgegner und Klimaleugner. Überraschenderweise teilen viele Frauen diese Wertvorstellungen. Am Anfang hat man immer gesagt, dass Trump-Anhänger bestimmte weisse Männer und Globalisierungsverlierer sind. Heute weiss man, dass Trumps Basis breiter ist. Trump bedient eine Wut in der Bevölkerung, die sich seit Langem angestaut hat. Sie akzeptieren seine Lügen, weil sie gegen diejenigen gerichtet sind, deren Werte sie nicht teilen. Indem der Präsident lügt, kämpft er gleichzeitig für seine Leute: Er bestätigt ihren Blick auf die Welt.

Müssen wir uns also Sorgen machen und eine Welt des Misstrauens befürchten, in der jeder des andern Feind ist?

Nein, das wäre zu undifferenziert. Es gibt wie gesagt immer noch viele Menschen, denen wir vertrauen können. Manchmal denke ich, dass wir uns durch diese mediale Rede von Misstrauen oder fehlendem Vertrauen ein bisschen das real gelebte Vertrauen aus der Hand nehmen lassen. In unserer Alltagspraxis gibt es viele Bereiche, wo wir respektvoll miteinander umgehen, uns gegenseitig schonen und auch schützen.

Gerade in der Schweiz ist das Vertrauensniveau in die Politik und insbesondere in den Bundesrat nach wie vor hoch. Die Mehrheit der Menschen tragen die Massnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus mit. Das hat sicher auch mit dem politischen System der Schweiz zu tun, der direkten Demokratie und dem Milizsystem. Wer mehr Mitsprache hat, sieht sich eher als Teil des Systems und vertraut diesem stärker. Und das Milizsystem erleichtert die Identifikation mit dem politischen Personal.

Martin Hartmann, geb. 1968, ist Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie an der Universität Luzern.

Buchtipp: Martin Hartmann. Vertrauen. Die unsichtbare Macht. Frankfurt am Main 2020. Wissenschaftsbuch des Jahres 2021 in den Kategorien Medizin / Biologie.
Alle wollen es – Banken, Politik, Wissenschaft, das Internet und die Liebe: unser Vertrauen! Doch das Vertrauen steckt in der Krise, viele fühlen sich betrogen, von Medien, Parteien, Unternehmen. Der Philosoph Martin Hartmann analysiert in einer inspirierenden Gegenwartsdiagnose, was dran ist an der Krise.

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