Vom Vertrauen – Teil 1

Vertrauen in uns selbst und in andere Menschen erleichtert unseren Alltag. Dass Vertrauen in unserem Leben allgegenwärtig ist, merken wir allerdings oft erst dann, wenn es brüchig wird und wir anfangen, daran zu zweifeln. In unserer 2-teiligen Artikelserie sprechen wir mit dem Philosophen Martin Hartmann über die verschiedenen Aspekte von Vertrauen.

Text: Esther Wyler

Herr Hartmann, Sie haben ein Buch über das Vertrauen geschrieben: «Vertrauen – Die unsichtbare Macht.» Was ist für Sie Vertrauen im weitesten Sinne?

Vertrauen ist zuallererst ein zwischenmenschliches Phänomen. Es zeigt sich in unserer Einstellung zu anderen Menschen. Wir machen unsere Erfahrungen mit Vertrauen in Beziehungen, zu Arbeitskollegen, Freundinnen, in der Liebe und der Familie. Dort kann es sich entfalten oder scheitern. Ich würde Vertrauen als eine Form akzeptierter Verletzlichkeit beschreiben. Wer anderen sein Vertrauen schenkt, macht sich verletzlich. Denn womöglich wird er verraten, belogen oder betrogen.

Was heisst das genau?

Vertrauen bezieht sich immer auf etwas. Wenn ich jemandem vertraue, überlasse ich ihm oder ihr etwas, was mir wichtig ist: ein Gut. Das können verschiedene Dinge sein: ein Geheimnis, mein Kind, meine körperliche Integrität, wenn wir über Sexualität reden oder meine Privatsphäre. Ich verzichte bewusst auf Kontrolle und Überwachung und muss darauf hoffen, dass der Vertrauensempfänger in meinem Sinne handelt. Dadurch gewinnt der andere einen Spielraum, den er potenziell auch zu meinem Schaden ausnutzen könnte. Manche sprechen in diesem Zusammenhang auch vom Risiko des Vertrauens. Je wichtiger das Gut, welches ich jemandem anvertraue, desto schwerer wiegt auch die Enttäuschung und Verletzung, wenn mein Vertrauen missbraucht wird. Vertrauen braucht deshalb auch Mut.

Wie weiss ich, ob jemand vertrauenswürdig ist?

Vertrauenswürdigkeit kann man nicht sehen. Ich muss versuchen, mein Gegenüber auf seine Vertrauenswürdigkeit hin einzuschätzen. Wenn wir über Vertrauen reden, spielen Gefühle stets eine wichtige Rolle. Es gibt jedoch auch gute Gründe, die mein Vertrauen rechtfertigen können: etwa, ob ich jemanden gut kenne und schon viel Erfahrung mit ihm oder ihr habe, ob jemand ehrlich ist und mich respektvoll behandelt, ob jemand seine Zusagen einhält etc. Ich kann auch im Umkehrschluss für mich feststellen, dass es keine guten Gründe gibt, jemandem nicht zu vertrauen. Je wichtiger das Gut ist, welches ich jemandem anvertraue, desto genauer nehme ich diese Einschätzung vor.

Letztlich mag ich die allgemeine Rede vom Vertrauen nicht. Es gibt nicht das eine Vertrauen. Instruktiver ist es, wenn wir die konkrete Beziehung anschauen, über die wir reden. Die Vertrauensbeziehung zu meiner Partnerin ist eine andere als die zu einem Politiker. Das sind unterschiedliche Dimensionen und es geht um unterschiedliche Güter. Aus philosophischer Sicht ist es immer wichtig, dass man sich klar macht, um welches Gut es in einem Vertrauensverhältnis geht, was auf dem Spiel steht und was ich riskiere.

Wie würden Sie den Wert des Vertrauens beschreiben und weshalb ist Vertrauen erstrebenswert?

Ich möchte zwei Punkte erwähnen. Zum einen erleichtert Vertrauen mein Leben. Ich kann Dinge tun, die mir sonst nicht möglich wären. Zum anderen hat für mich Vertrauen gerade in zwischenmenschlichen Beziehungen wie Freundschaften und der Liebe einen eigenen Wert. Das Vertrauen ist um seiner selbst willen wertvoll, unabhängig von den Gütern, die ich anderen Menschen anvertraue oder den Zielen, die ich in Vertrauensbeziehungen erreichen möchte. Ich nenne dies den Eigenwert des Vertrauens. In meinem Buch habe ich die These aufgestellt, dass immer weniger Menschen in dieser tiefen Dimension vertrauen. Wenn dieses Vertrauen missbraucht oder enttäuscht wird, dann sitzt der Schock umso tiefer. Dann heisst dies nicht nur «du hast mein Geheimnis verraten», sondern ich habe auch einen Freund verloren.

In Ihrem Buch sagen Sie: «Vertrauen ist wie die Luft zum Atmen. Solange alles in Ordnung ist, bemerken wir sie gar nicht.» Was meinen Sie damit?

Der Gedanke ist mir gekommen, weil ich in Interviews und Einladungen immer wieder mit Fragen nach dem angeblich schwindenden Vertrauen in Politik, Medien, Wissenschaft und Gesellschaft konfrontiert wurde. Da habe ich mir gesagt, dass an dieser Krisendiagnose etwas dran sein muss. Weshalb wird so viel über Vertrauen nachgedacht? Mir erschien es sinnvoll, Vertrauen mit dem Bild der Luft zu verbinden. Solange alles rund läuft, bemerken wir nicht einmal unser Atmen, wir tun es einfach. Erst wenn wir uns erkälten oder die Luft dünner wird, wird das Atmen schwerer und verliert seine Selbstverständlichkeit.

Ähnlich ist es mit dem Vertrauen, wenn es intakt und «gesund» ist. Wir leben in ihm, wir zehren von ihm, wir brauchen es, wir atmen es gleichsam ein und aus. Die Stärke des Vertrauens liegt gerade darin, dass wir nicht permanent darüber diskutieren müssen. Vertraue ich jemandem, dann denke ich nicht weiter nach, bin nicht misstrauisch und vorsichtig. Man könnte auch sagen, dass zum Vertrauen ein gerütteltes Mass an Gedankenlosigkeit gehört. Nachdenken, so scheint es, zerstört Vertrauen und macht es schwer, verleiht ihm ein Gewicht, obwohl es vorher, um im Bild zu bleiben, leicht war wie die Luft.

Dazu kommt ein weiterer Aspekt: Vertrauen hat viel mit Stimmung und Atmosphäre zu tun. Daten und Fakten allein reichen nicht aus. Ist die Stimmung in der Gesellschaft gut und die Atmosphäre positiv, dann vertrauen wir anderen Menschen, weil wir das Gefühl eines umfassenden vertrauensfreundlichen Klimas verspüren. Dies befreit uns von der mühseligen Arbeit, andere auf ihre Vertrauenswürdigkeit hin überprüfen zu müssen. Wir können leichter vertrauen, weil wir daraufsetzen, dass eine hinreichend grosse Anzahl unserer Mitmenschen unsere Einschätzung teilt. Die kollektive Dimension des Vertrauens ist sehr wichtig.

Der Soziologe Niklas Luhmann schreibt in seinem Buch: «Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität»: «Der Mensch hat zwar in vielen Situationen die Wahl, ob er in bestimmten Hinsichten Vertrauen schenken will oder nicht. Ohne jegliches Vertrauen aber könnte er morgens sein Bett nicht verlassen. Unbestimmte Angst, lähmendes Entsetzen befielen ihn.» Stimmen Sie dem zu?

Ich sehe hier zwei Dinge, die es zu berücksichtigen gilt. Ich stimme Luhmann zu, wenn er sagt, dass wir in unserem Vertrauen eine Wahl haben und entscheiden können, wem wir Vertrauen schenken und wem nicht. Im zweiten Teil des Satzes nimmt Luhmann, wenn ich es richtig verstehe, jedoch Bezug auf eine weitere Dimension des Vertrauens; eine, in der wir in gewisser Weise gar keine Wahl haben und einfach vertrauen müssen, wenn wir in der Welt sind. Natürlich würde es uns verrückt machen, wenn wir jeden Morgen, wenn wir aus dem Bett steigen, überlegen müssten, ob der Boden stabil ist oder nicht.

Vertrauen ist wie die Luft zum Atmen. Solange alles in Ordnung ist, bemerken wir sie gar nicht.

Ich möchte hier jedoch einen Zusatz anbringen. Es kommt immer auf unsere Lebensumstände an. Wir haben das Glück, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir morgens relativ unreflektiert und selbstverständlich aufstehen können. Wir gehen aus dem Haus und denken in der Regel nicht darüber nach, ob auf der anderen Seite der Strasse womöglich ein Mörder auf uns wartet. Aber, es gibt Menschen, bei denen ist dieses «normale» Vertrauen erschüttert. Solche, die psychische Ausnahmesituationen erlebt haben und traumatisiert sind von Krieg und Vertreibung oder anderen Gewalttaten. Sie können das nicht mehr. Sie müssen jedes Mal eine Leistung vollbringen und womöglich grosse Ängste überwinden. Für sie ist selbstverständlich gelebtes Vertrauen eben keine Selbstverständlichkeit mehr.

Auch die Corona-Pandemie stellt unser Vertrauen in dieser Hinsicht auf eine harte Probe. Plötzlich können uns unsere Mitmenschen gefährlich werden. Und hier kommt wieder das Bild mit der Luft ins Spiel: Vertrauen ist unauffällig und das ist auch gut so. Jetzt fällt es auf, weil es vorher einfach da war und wir nicht darüber nachgedacht haben. Covid-19 ruft uns in Erinnerung, wie wertvoll Vertrauen ist. In dieser Krise ringt das Vertrauen im wahrsten Sinne des Wortes nach Luft.

Martin Hartmann, geb. 1968, ist Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie an der Universität Luzern.

Buchtipp: Martin Hartmann. Vertrauen. Die unsichtbare Macht. Frankfurt am Main 2020. Wissenschaftsbuch des Jahres 2021 in der Kategorie Medizin / Biologie.
Martin Hartmann analysiert in seinem neuen Buch, warum das Vertrauen in Bereichen wie Politik, Wissenschaft, Liebe und dem Internet in einer Krise steckt und warum viele sich von Medien, Parteien oder Unternehmen betrogen fühlen. Zusätzlich zeigt er vertrauensbildende Massnahmen auf, die gegen Unsicherheit und Stillstand helfen sollen. Der Autor ermutigt, wieder mehr zu Vertrauen zu wagen.

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