Über die Rettung der Arbeit

Wie werden wir in Zukunft arbeiten? Die Digitalisierung schürt bei vielen Menschen Angst und Unsicherheit. Wie sieht die Zukunft unserer Arbeitswelt aus? Mit der Philosophin und Ökonomin Lisa Herzog diskutieren wir über die Bedeutung und den Wert der Arbeit für uns Menschen und darüber, welche Rolle die Politik bei der Gestaltung der öffentlichen Arbeitswelt angesichts der anstehenden Veränderungen spielen sollte.

Text: Esther Wyler

Frau Herzog, Sie haben ein Buch geschrieben: «Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf.» Weshalb ist für Sie das Thema Arbeit so wichtig?
Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der Arbeit mit einer der wichtigsten Orte der sozialen Integration ist. Arbeit stellt uns in einen sozialen Zusammenhang: Wir begegnen durch sie anderen Menschen und sind in das Netz unserer arbeitsteiligen Systeme eingebunden. Arbeit gibt unserem Leben und Alltag eine Struktur. Zudem verändert sich unsere Arbeitswelt durch die digitale Transformation gerade sehr stark und deshalb ist das Thema politisch einfach überaus relevant.

Wenn Sie von Arbeit sprechen, meinen Sie vor allem die Erwerbsarbeit oder das Tätigsein an sich?
In meinem Buch konzentriere ich mich auf Lohnarbeit, weil ich in diesem Bereich viel Veränderungsbedarf sehe. Das will nicht heissen, dass ich die Familienarbeit, Pflegearbeit und Freiwilligenarbeit nicht auch unglaublich wichtig finde.

Weshalb benötigen wir einen Aufruf zur Rettung der Arbeit gerade jetzt?
Ich möchte auf drei Punkte hinweisen. Erstens hat uns die Corona-Pandemie nochmals eindrücklich vor Augen geführt, wie unglaublich abhängig wir von der Arbeit anderer Menschen sind, auch und gerade von solchen in sehr schlecht bezahlten Jobs. Zweitens hat sich unsere Arbeitswelt nach Jahrzehnten einer ausgeprägten Marktgläubigkeit doch an manchen Stellen sehr stark verändert. In diesem Weltbild zählt Arbeit nur als Input-Faktor in einen Produktionsprozess, der letztlich der Gewinnmaximierung dient. Doch dieses Denkmuster ist überholt und es stellt sich jetzt die Frage: Was kommt danach? Und als dritten Punkt sehe ich eben die digitale Transformation, die unser Verständnis von Arbeit grundlegend verändern wird. Wie sollen die neuen Technologien eingesetzt werden? Für wen und für welche Aufgaben und wer hat hier die Entscheidungsmacht? Hier muss die Politik Antworten finden.

© Alexander Limbach/stock.adobe

Ihr Buch ist ein politischer Aufruf. Sie wenden sich an Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker und rufen sie dazu auf, ihre Gestaltungsmöglichkeiten für die Zukunft der Arbeit wahrzunehmen. Denken Sie, dass die Politik das schafft?
Ja, da habe ich so meine guten und schlechten Tage. Tatsache ist jedoch, dass die Politik wirklich Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten hat. Die nimmt sie bereits heute wahr, beispielsweise bei der Ausgestaltung von Patentrechten. Und in den heutigen digitalen Technologien stecken viel staatliche Finanzierung und Förderung. Das darf man nicht vergessen. Die Digitalisierung ist keine Naturgewalt, die über uns hereinbricht. Gefragt ist jetzt politischer Gestaltungswille. Letztlich liegt es an uns allen, dass wir unsere Vorstellungen von einer guten Arbeitswelt miteinander diskutieren und aktiv verwirklichen – das betrifft uns an der Wahlurne, aber auch im Alltag.

Die Digitalisierung ist keine Naturgewalt, die über uns hereinbricht.
Gefragt ist jetzt politischer Gestaltungswille.

Die Debatte zur Digitalisierung wird oft sehr polarisierend geführt. Einerseits der positive Digitalisierungshype mit seinen Verheissungen einer technologiebedingten besseren Zukunft und andrerseits werden Katastrophenszenarien an die Wand gemalt. Wie könnte ein Dazwischen aussehen?
Wir müssen entscheiden, für welche Arten von Tätigkeiten Roboter und Algorithmen sinnvoll und geeignet sind und für welche Menschen. Bei körperlich sehr anstrengender oder gefährlicher Arbeit und bei routinehaften und monotonen Aufgaben können Roboter den Menschen sehr gut entlasten. Es ist vorstellbar, dass es eine produktive Arbeitsteilung zwischen Menschen und Maschinen geben kann. Aber überall dort, wo es auf Interaktion mit anderen, auf Empathie und Kreativität ankommt, werden auch künftig Menschen gebraucht. Das gilt insbesondere für das Gesundheitswesen sowie Lehre und Ausbildung, aber auch für das Management in vielen Bereichen. Eine positive Ausgestaltung digitaler Techniken wird auch damit verbunden sein, ob es gelingt, den Arbeitenden genug Mitsprachemöglichkeiten zu geben, damit sie sich im Prozess einbringen können. Man unterschätzt, wie viel implizites Wissen Mitarbeitende durch ihre Erfahrung erwerben. Herauszufinden, wie sich Erfahrungswissen und Technik zueinander verhalten und wie sie sich gegenseitig ergänzend einsetzen lassen, das ist enorm wichtig.

Welches Verständnis von Arbeit ist in unserer westlichen Gesellschaft vorherrschend?
Es gibt nicht nur ein Verständnis von Arbeit. Ich möchte zwei Sichtweisen erläutern: Eine grosse Bedeutung hat sicher das ökonomische Bild von Arbeit. Es behauptet, dass wir ausschliesslich arbeiten, um Geld zu verdienen, das uns erlaubt, zu konsumieren, um dann wiederum Sinn und Befriedigung aus dem Konsum zu ziehen. Dass Arbeit dem Einkommenserwerb dienen soll, ist auch nicht falsch. So sind unsere Gesellschaften heute organisiert und bis auf Weiteres wird es vermutlich so bleiben. Aber Geld ist sicher nicht das Einzige, was Menschen zur Arbeit motivieren kann. Sinn und Befriedigung kann auch in der Arbeit selbst liegen. In eine andere Richtung geht die künstlerisch romantische Auffassung von Arbeit. Man möchte sich in der Arbeit selbst verwirklichen und sein Ich nach aussen tragen können. Arbeit ist demnach eng mit der eigenen Identität verbunden. Wer sich für einen Beruf entscheidet, möchte sich darin finden können.

In Ihrem Buch weisen Sie immer wieder auf die soziale Dimension der Arbeit hin als etwas, was neben dem Geldverdienen und der Selbstverwirklichung eine entscheidende Rolle spielt. Können Sie das konkretisieren?
Arbeit verschafft gesellschaftliche Teilhabe, Zugehörigkeit und eine gewisse Autonomie. Eine Arbeitsstelle hat viel mit sozialer Anerkennung und Status zu tun. Menschen fühlen sich motiviert, wenn sie sich für die Gesellschaft nützlich machen können. Gerade die Arbeitswelt kann uns mit Menschen zusammenbringen, denen wir sonst nie begegnen würden, die eine andere Herkunft, andere Vorstellungen, andere Werte haben. Dieser Vielfalt zu begegnen ist für die Einzelnen bereichernd und für den sozialen Kitt einer Gesellschaft unerlässlich.

Für Sie hat unser arbeitsteiliges System einen sehr hohen Stellenwert. Weshalb?
Menschen sind soziale Wesen und diese Tatsache bezieht sich auch darauf, wie sie arbeiten. Wir teilen die Arbeit untereinander auf. Ein Leben ohne Arbeitsteilung können wir uns kaum noch vorstellen. Die allermeisten Formen von Arbeit erhalten ihren Sinn und ihre Bedeutung dadurch, dass sie ermöglichen, dass Güter oder Dienstleistungen für andere bereitgestellt werden. Im Gegenzug profitiert man selbst von der Arbeit anderer. Es ist faszinierend, wie differenziert die heutige Arbeitswelt ist, wie viele Berufe man ausüben, auf wie viele Tätigkeiten man sich spezialisieren kann. Arbeitsteilung ist aber auch ein Wagnis. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass andere ihren Job machen. Deshalb funktioniert Arbeitsteilung auch nur in Gesellschaften, in denen man von einem friedlichen, kooperativen Zusammenleben ausgehen kann.

Für Sie hat unser arbeitsteiliges System einen sehr hohen Stellenwert. Weshalb?
Menschen sind soziale Wesen und diese Tatsache bezieht sich auch darauf, wie sie arbeiten. Wir teilen die Arbeit untereinander auf. Ein Leben ohne Arbeitsteilung können wir uns kaum noch vorstellen. Die allermeisten Formen von Arbeit erhalten ihren Sinn und ihre Bedeutung dadurch, dass sie ermöglichen, dass Güter oder Dienstleistungen für andere bereitgestellt werden. Im Gegenzug profitiert man selbst von der Arbeit anderer. Es ist faszinierend, wie differenziert die heutige Arbeitswelt ist, wie viele Berufe man ausüben, auf wie viele Tätigkeiten man sich spezialisieren kann. Arbeitsteilung ist aber auch ein Wagnis. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass andere ihren Job machen. Deshalb funktioniert Arbeitsteilung auch nur in Gesellschaften, in denen man von einem friedlichen, kooperativen Zusammenleben ausgehen kann.

Sie sagen, dass wir alle voneinander abhängig sind. Sind letztlich alle Tätigkeiten gleichermassen wichtig?
In den letzten Monaten wurde viel über die sogenannten «systemrelevanten» Berufe diskutiert. Es sind dies lebenswichtige Tätigkeiten, die unser System in der Corona-Krise am Laufen gehalten haben: Pflegefachfrauen, Detailhandelsangestellte, Kitamitarbeiterinnen, Reinigungspersonal, Sicherheitspersonal. Sie alle mussten trotz Corona weiterarbeiten und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, damit wir weiterhin gepflegt werden, Nahrungsmittel erhalten, saubere Spitäler und ÖV vorfinden und Kinder hüten lassen können, wenn nötig. Gerade diese Tätigkeiten jedoch sind zumeist schlecht bezahlt und wenig angesehen. Es trifft Frauen wie Männer, allerdings sind Frauen viel häufiger in den systemrelevanten Care-Tätigkeiten beschäftigt. Natürlich sind auch andere Bereiche und Tätigkeiten wichtig: eine gut organisierte Verwaltung, ein Finanzwesen, etc. Und was sich in der Corona-Krise auch gezeigt hat: Wir brauchen die Musik, die Kunst, das Theater und die Unterhaltung, für unsere Psyche und unser Wohlbefinden. Letztlich ist alles ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Wir haben alle etwas davon, wenn andere ihre Arbeit gut machen. Die Frage ist dann, ob dieses Netzwerk insgesamt gerecht gestaltet ist oder nicht. Und da sehe ich natürlich sehr grosse Defizite.

Weshalb sind gerade die systemrelevanten Berufe oft schlecht bezahlt?
Das hat teilweise damit zu tun, dass dies oft Arbeit ist, die historisch von Frauen gemacht wurde. Deswegen wurden diese Tätigkeiten eher als Erweiterung der Familienarbeit konzipiert, nicht als primäre Einkommensquelle wie die «männlichen» Berufe. Es gibt aber auch systemrelevante Berufe, die nicht schlecht bezahlt sind, wie z.B. Ärzte und IT-Spezialisten. Ein anderer Faktor ist, dass systemrelevante Arbeit oft keine besonders spezialisierte Ausbildung verlangt. Viele wollen diese Jobs machen, auch Leute mit migrantischem Hintergrund, deren berufliche Qualifizierung aus anderen Ländern möglicherweise nicht anerkannt wird. Dort ist der Druck hoch, irgendeine Art von Arbeit anzunehmen. Schlussendlich bestimmen dann auch Angebot und Nachfrage den Lohn.

Sie plädieren für eine Demokratisierung der Wirtschaft. Was verstehen Sie darunter?
In unseren westlichen Demokratien fällen Bürgerinnen und Bürger weitreichende Entscheidungen. Warum nicht auch in den Firmen, in denen sie arbeiten? Im Moment besteht in der Wirtschaft und in den einzelnen Unternehmungen ein grosses Machtungleichgewicht. Die Kapitalgeber und das Management haben das Sagen und die Mitarbeitenden bleiben aussen vor. Das müssen wir ändern. Denn letztlich hat die Wirtschaft den Menschen zu dienen und nicht umgekehrt. Die Beschäftigten in Firmen sollen in Sachen Arbeitsbedingungen mitbestimmen können und auch in unternehmerischen Entscheiden ein Mitspracherecht haben und Entscheidungsbefugnisse erhalten. Deshalb müssen wir demokratisch geführte Unternehmen wie Genossenschaften stärken und fördern. Ebenfalls denkbar ist, dass Arbeitnehmerinnen ermöglicht wird, Aktien eines Unternehmens zu kaufen, und so nach und nach eine Mehrheit zu erlangen, die es ihnen dann ermöglicht, auch die internen Strukturen zu verändern.

Es wird im Moment viel über die Themen Arbeit, Digitalisierung und Nachhaltigkeit diskutiert und geschrieben. Wissenschaftler, Historikerinnen, Philosophen, Ökonominnen und Schriftsteller äussern sich dazu. Sind wir an einem Kipppunkt angelangt, an dem sich die Dinge ändern?
Wenn wir in die Wissenschaftsgeschichte schauen, ist es oft so, dass bestimmte Phänomene zur gleichen Zeit und parallel von verschiedenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bearbeitet und thematisiert werden. Dann sind diese Themen einfach reif und Ideen kommen von verschiedenen Individuen aus unterschiedlichen Ecken. Es bleibt dann die Frage, wie sich diese Ideen in politische Veränderungen übersetzen lassen, denn um das geht es ja letztlich. Was meine Rolle als Wissenschaftlerin betrifft: Ich versuche, gewisse Dinge zu erklären und auch darauf hinzuweisen, wo bestimmte ökonomische Theorien einfach einseitig und wirklich falsch sind. Ich hoffe, dass ich damit einen Beitrag zur Aufklärung leisten kann. Es ist wichtig, dass sich die breite Öffentlichkeit mit den Fragen zur Zukunft der Arbeit, zur Digitalisierung und zum Klimawandel auseinandersetzt. Am Ende wird darüber in demokratischen Prozessen entschieden und da zählt meine Stimme genauso viel oder wenig wie jede andere. Die Gesellschaft muss sich als Ganzes entscheiden, wo sie hinwill.

Lisa Herzog, 1983 geboren, studierte Philosophie, Volkswirtschaftslehre, Politologie und Neuere Geschichte in München und Oxford. Sie arbeitet als Professorin für politische Philosophie an der Universität Groningen (Niederlande) und forscht unter anderem zu ökonomischer Gerechtigkeit, Ethik und Demokratie in Wirtschaftsorganisationen sowie zur ökonomischen und politischen Ideengeschichte. Sie ist auch Mitunterzeichnerin des Manifests: «Wirtschaften nach der Pandemie. Die Zukunft der Arbeit nach Corona» (Mai 2020).
Buchtipp:
Lisa Herzog: Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf. Berlin 2019. Für dieses Buch wurde die Autorin 2019 mit dem Tractatus Essay Preis und dem Deutschen Preis für Philosophie und Sozialethik ausgezeichnet. Es widmet sich der Bedeutung der Arbeit im digitalen Zeitalter und der Frage, wie wir in Zukunft arbeiten wollen.

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