Es bleibt nur noch wenig Zeit

Der Klimawandel betrifft nicht nur die Eisbären in der Arktis. Er ist längst auch in den reichen westlichen Staaten angekommen. Für den Historiker und Bestsellerautor Philipp Blom ist klar: Wir müssen uns neu orientieren und eine andere Wirtschaft aufbauen. Nur so hat unsere Zivilisation eine Überlebenschance. Wir brauchen ein neues Lebensmodell für die Zukunft. Wir müssen den Mut haben, uns neu zu erfinden.

Text: Esther Wyler

Herr Blom, in Ihren Büchern «Das grosse Welttheater» und «Was auf dem Spiel steht» beschäftigen Sie sich u.a. sehr intensiv mit den Folgen des Klimawandels für Umwelt, Tiere und den Menschen. Ihre Prognose für die Zukunft ist eher düster. Sie geben sich zwar Mühe, auch die ermutigenden und positiven Aspekte herauszustellen, aber es fällt Ihnen schwer, oder?

Ja, das stimmt. Aber wissen Sie, solange etwas noch nicht passiert ist, ist es noch nicht passiert. Unser Verständnis von den Dingen ist immer modellhaft und wir verstehen die Mechanismen noch nicht wirklich. Wir können nicht sagen, was die Zukunft uns wirklich bringt. Aber wir sollten mit dem besten Wissen handeln, welches wir haben. Und das sagt uns, dass nur noch wenig Zeit bleibt, um eine wirklich existenzbedrohende Katastrophe zu verhindern und uns mit einer mittleren Katastrophe zu arrangieren.

Sie schreiben in «Was auf dem Spiel steht»: «Menschen sind Primaten, die sich Geschichten über sich selbst erzählen.» Welche Geschichten erzählen wir uns heute? Wie sehen wir uns selbst in der Welt?

Wir stehen heute am Ende einer Zeitperiode, die mit dem Satz «Der Mensch ist das Mass aller Dinge» umschrieben werden könnte. In seinem Selbstverständnis sieht sich der Mensch als Zentrum und Mittelpunkt der weltlichen Realität. Er nimmt für sich eine Sonderstellung in Anspruch, die ihn berechtigt, alles seinen Interessen unterzuordnen. Dieses Bild hat unsere ganze Zivilisation und Kultur geprägt und lebt bis heute in der Idee des ewigen technologischen Fortschritts und Wirtschaftswachstums weiter. Das hat ja auch lange gut funktioniert. Wir sind heute reicher, als wir es je gewesen sind, und leben länger als je zuvor.

Aber?

Wenn unsere Lebensweise und unser System davon abhängig sind, dass pro Minute 30 Fussballfelder an Regenwald vernichtet werden, dann hat dieses Modell keine Zukunft. Jetzt in Zeiten der Krise brauchen wir eine neue Erzählung, die sich von der Vormachtstellung des Menschen in der Natur verabschiedet. Homo sapiens ist nicht allein, er ist nicht einmal so unterschiedlich vom Rest der Natur, wie er gerne glauben würde und immer wieder konstruiert, im Gegenteil: Er ist mittendrin in dieser Natur, lediglich ein Organismus unter vielen auf dieser Erde und für das Gleichgewicht der Natur längst nicht so wichtig wie Plankton oder Ameisen. Das zu akzeptieren ist für uns Menschen nicht einfach und oft auch eine Überforderung.

Sie betrachten unser heutiges Wirtschaftssystem als Auslaufmodell. Weshalb?

Das gegenwärtige System ist eine Art von Hyperkapitalismus und Marktabsolutismus, welches die Gesellschaft zu einem Anhängsel des Marktes degradiert. Das hat dazu geführt, dass auch die Politik nicht mehr sehr handlungsfähig ist und letztendlich grosse multinationale Konzerne mehr Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum haben als Staaten. Und vor allem unterliegt unsere Wirtschaft einem ständigen Wachstumszwang. Laufend müssen neue Bedürfnisse geweckt werden, um den Konsum und das Wachstum anzukurbeln. Das geht einher mit einem verheerenden Ressourcenverbrauch und grosser Umweltzerstörung. Wir ersticken sozusagen an den Nebenwirkungen unseres eigenen Erfolges.

Weshalb dieser Wachstumszwang?

Das ist ganz einfach zu erklären. Kapitalismus heisst Kapitalismus, weil er mit Kapital umgeht. Und dieses Kapital wird nicht nur geschaffen, sondern es wir vor allen Dingen auch verliehen, an Unternehmen, den Staat oder private Haushalte. Wer Geld leiht, will damit auch etwas verdienen. Investitionen sollen sich lohnen. Aktionäre wollen für ihre Geldanlage Dividenden, Banken wollen für ihre Kredite Zinsen. Ein Geldnehmer nimmt 100 und muss 102 zurückzahlen. Deshalb muss man dieses Geld wachsen lassen. Hohe private und staatliche Schulden verursachen den Druck, dass die Wirtschaft immer weiterwachsen muss.

Sehen Sie einen Ausweg?

Ich bin Historiker und kein Ökonom. Ich glaube jedoch, dass wir ein gewisses Minimum an Wachstum brauchen, damit unser Wirtschaftssystem funktioniert. Die Transition zu einer nachhaltigen und klimafreundlichen Wirtschaft kostet Geld und muss von irgendwem finanziert werden. Auch die Institutionen einer Demokratie sind sehr teuer. Es ist jedoch nötig, dass wir uns Gedanken darüber machen, welche Unternehmensformen eher ein nachhaltiges Wirtschaften ermöglichen. Aktiengesellschaften sind Wachstumstreiber. Eine Alternative wären Genossenschaften oder Stiftungen. Sie unterliegen weniger dem Wachstumszwang, sind nicht primär gewinnorientiert und verfolgen auch ideelle oder gemeinnützige Zwecke.

Heisst weniger wachsen auch weniger konsumieren?

Ja, das heisst es. Wenn wir den grünen Umbau der Wirtschaft wollen, dann müssen wir unseren Verbrauch einschränken. Das ist nicht einfach, denn wir definieren uns sehr stark über unseren Konsum. Gerade Markenartikel sind ein sehr starkes Identitätsangebot seitens der Wirtschaft. Wer will ich sein? Was will ich darstellen? Von wem möchte ich mich abgrenzen? Marken versprechen den Konsumenten Zugehörigkeit und Anerkennung, Luxus und Glück. Sie geben auch Orientierung in Zeiten des Überangebots und der Orientierungslosigkeit. Wollen wir eine Gesellschaft, in der weniger konsumiert wird, dann müssen wir unsere Identität anders konstruieren. Wir müssen uns neu erfinden.

Wenn wir den grünen Umbau der Wirtschaft wollen, dann müssen wir unseren Verbrauch einschränken. Das ist nicht einfach, denn wir definieren uns sehr stark über unseren Konsum.

Vieles wird zum Schutz von Klima und Umwelt gesagt, nur das Wort «Verzicht» fällt nicht. Weshalb eigentlich?

Weil wir dieses Wort von der falschen Seite aus betrachten. Wenn wir unsere Sichtweise ändern, dann sehen wir, dass aus dem Weniger auch ein Mehr werden kann. Stellen sie sich vor, was für eine wahnsinnige Entscheidung es ist, Kinder zu haben. Junge Menschen nehmen damit in Kauf, weniger Geld zu haben, ihre Freiheit wird extrem eingeschränkt und sie sind ihrem Alltag ständig eingespannt. Das sind doch lauter Verzichtmomente. Weshalb tut jemand so etwas? Weil man sich für etwas entscheidet, was wichtiger ist als materielle Dinge. Man entscheidet sich für eine Familie, den grössten Reichtum, den die meisten Menschen in ihrem Leben haben werden. Wenn wir den Verzicht so sehen, dann hat er eine andere Bedeutung und steht nicht mehr an erster Stelle.

Viele Menschen sind immer noch der Überzeugung, dass eine freie Marktwirtschaft der beste Klimaschützer sei und empfinden staatliche Eingriffe schon als Vorstufe zur Ökodiktatur. Ist das berechtigt?

Die Rede vom freien Markt ist ein Mythos. Ich habe noch nie einen freien Markt gesehen. Nicht in der Vergangenheit, nicht in der Gegenwart und nicht in der Zukunft. Der Staat schafft die Infrastruktur, welche nötig ist, damit der Markt überhaupt funktionieren kann. Er schafft Verkehrswege, damit die Handelsware transportiert werden kann. Er subventioniert die Pharmaforschung, damit neue Medikamente entwickelt werden können. Er investiert in die Ausbildung junger Menschen, damit sie im Berufsleben funktionieren können. Er schafft Gerichte, wo Forderungen eingeklagt werden können etc. Wenn also die Gesellschaft und mit ihr der Staat dem Markt ihre ganze Infrastruktur zur Verfügung stellen, dann haben sie auch das Recht, zu sagen, was sie von diesem Markt wollen.

Extreme Hitze in Kanada, Sturzfluten in Deutschland und Überschwemmungen in der Schweiz. Hitze, Trockenheit und Waldbrände ums Mittelmeer. Der Sommer 2021 hat uns gezeigt, dass bisher undenkbare Extremereignisse bald fast schon zum alltäglichen Wetter gehören könnten. Der Berner Klimaexperte Heinz Wanner sagt dazu in einem Interview vom 9. August: «Es wird sich in den nächsten 50 bis 100 Jahren entscheiden, ob der Mensch es schafft, seine Spezies zu erhalten.» Wie würden Sie dies kommentieren?

Herr Wanner hat leider Recht. Die Auswirkungen der Erderwärmung haben die reichen Länder erreicht. Die Klimakatastrophe findet nicht mehr nur in Bangladesch und an den Polen statt, sondern nebenan. In Deutschland sehen wir obdachlose Menschen vor den Trümmern ihrer Häuser stehen. Mehr als 130 Menschenleben hat die Hochwasserkatastrophe dort gekostet. Die Schäden sind riesig, die Kosten immens. Spätestens jetzt muss doch klar sein, dass sich alles ändern muss.

Welche Einstellungen hindern uns daran, verantwortungsvoll mit unserer Umwelt umzugehen?

Faulheit und Trägheit. Ich denke, dass die Klimakatastrophe zumindest in den Köpfen der akademischen Mittelklasse angekommen ist. Aber das reicht ja nicht. Was fehlt ist die notwendige konkrete Veränderung der individuellen Lebensweise. Hier stehen wir auch vor einer grossen demokratiepolitischen Herausforderung. Bis jetzt hat die Politik die Quadratur des Kreises versucht: Klimaschutz ja, aber der Bürger soll weiterleben wie bisher. Das funktioniert nicht und die Politiker und Politikerinnen müssen vorangehen und den unumgänglichen Transformationsprozess einleiten.

Zum Überleben brauchen Demokratien nicht nur Wohlstand. Sie brauchen auch eine gemeinsame Hoffnung.

Für uns in den westlichen Industrienationen ist eine demokratische Staatsform fast eine Selbstverständlichkeit. Wir kennen nichts anderes. Sie sagen jedoch, dass die Demokratie nichts mehr als ein historisches Zufallsprodukt ist. Sie schreiben: «Demokratie ist kein Naturzustand, keine historische Notwendigkeit, im Gegenteil, sie ist im höchsten Masse unnatürlich und zufällig. Sie zu erhalten ist harte Arbeit.» Und weiter: «Immer mehr Menschen in demokratischen Staaten sind immer weniger überzeugt, dass Demokratie die beste Staatsform für sie ist.»
Können Sie diese Aussagen konkretisieren. Wo lokalisieren Sie die Gefahren für die Demokratie? Wie müssen wir ihnen begegnen?

Die Demokratieskepsis ist vor allem bei jüngeren Menschen verbreitet. Sie sind von der demokratischen Staatsform desillusionierter als die älteren Generationen und sehen in einer liberalen Gesellschaft nicht mehr per se das einzig gute Modell. Freie Meinungsäusserung, Geschlechtergleichheit und Minderheitenschutz sind nicht mehr automatisch die Werte, die am meisten zählen. Deshalb müssen wir unsere Demokratie stärken und weiterentwickeln, um sie gegen autokratische Tendenzen zu verteidigen. Da ist jetzt politische Fantasie gefragt und es müssen vor allem auch junge Menschen mehr politische Partizipation erfahren können.

Sind wir durch die Corona-Pandemie flexibler geworden, was die Veränderungen in unserer Lebensweise betrifft? Denken Sie, dass wir aus dieser Krise etwas lernen können?

Es ist noch zu früh, um Vorhersagen zu machen. Es gibt jedoch zwei Dinge, die wir jetzt schon feststellen können: Ein kleiner primitiver Virus aus China hat es geschafft, innerhalb von Tagen die grössten Volkswirtschaften der entwickelten Welt vollständig lahmzulegen. Und weiter haben wir erfahren, dass Staaten und Gesellschaften sehr wohl politisch handeln können. Regierungen haben innert weniger Tage die Zügel in die Hand genommen und umgesteuert. Der Lockdown hat fühlbar gemacht, dass der Automatismus der Welt von Beruf und Konsum unterbrochen werden kann und dass diese Erfahrung neue Perspektiven bietet. Ich hoffe, dass diese Erkenntnisse unser Denken und unsere Sichtweise auf unser Dasein auf dieser Erde konstruktiv zu beeinflussen vermögen.

Wenn wir bei der Hoffnung sind. Sie schreiben: «Zum Überleben brauchen Demokratien nicht nur Wohlstand. Sie brauchen auch eine gemeinsame Hoffnung.» Sehen Sie eine?

Der Gesellschaft fehlt es an einem gemeinsamen Projekt. Wie wäre es, wenn wir das Land bauen, die Schweiz, das Österreich, das Deutschland, in dem auch noch unsere Kinder leben können? Wir müssen diesen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbau, diesen echten «Green New Deal» in Angriff nehmen. Stellen wir uns vor, das Schweizer Stimmvolk würde beschliessen, innerhalb von 15 Jahren CO2-neutral zu werden. Das wäre eine wirkliche Transformation, die zwar sehr viel kosten würde. Gleichzeitig würde sie aber viele neue Arbeitsplätze schaffen sowie innovative Technologien und Expertisen hervorbringen, die auf der ganzen Welt gebraucht würden.

© Heike Bogenberger (https://www.autorenfotos.com/)

Der promovierte Historiker Philipp Blom (51) wuchs in Hamburg auf und lebt heute in Wien. Dort arbeitet er als Historiker, Philosoph, Autor und Journalist. Seine historischen und literarischen Werke wurden in 16 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien sein Roman «Diebe des Lichts» (Blessing-Verlag, 2021).
philipp-blom.eu

Buchtipp:
Das große Welttheater: Von der Macht der Vorstellungskraft in Zeiten des Umbruchs (Paul Zsolnay Verlag, 2020)
Was auf dem Spiel steht (Carl Hanser Verlag, 2017)

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