Empathie: Weiss ich, was du fühlst?

Mitgefühl, Sensibilität oder auch Einfühlungsvermögen – diese Begriffe kommen einem in den Sinn, wenn es um Empathie geht. Was Empathie genau bedeutet, wie sie funktioniert und inwiefern Empathie zu einer besseren Welt beitragen kann, darüber sprechen wir mit dem Philosophen Manuel Camassa.

Text: Esther Wyler

Herr Camassa, was ist menschliche Empathie?

Eine allgemeingültige Definition für Empathie gibt es in der Wissenschaft nicht. Ich denke jedoch, dass ich in meiner Dissertation eine Definition für Empathie gefunden habe, welche die unterschiedlichen Positionen gut miteinbezieht: Empathie ist ein psychologischer Prozess, der es uns Menschen erlaubt, uns auf andere einzustimmen. So können wir die Gefühle und Gedanken einer anderen Person nachempfinden und verstehen. Wobei es immer ein Unterschied zwischen dem Ich und dem Du gibt. Empathie ist nie eine vollständige Identifizierung mit dem Anderen.

Können Sie dies noch konkretisieren?

Empathie ist ein komplexes Phänomen, welches es sehr differenziert zu betrachten gilt. Wenn ich von Empathie spreche, mache ich zwei Unterscheidungen. Erstens können wir Empathie als Prozessgeschehen begreifen. Ich spreche dann von «low-level-Empathie», wenn Empathie unmittelbar und bis zu einem gewissen Grade unbewusst entsteht und von «high-level-Empathie», wenn sie sich aus meinem kognitiven Vorstellungsvermögen heraus entwickelt. Und zweitens können wir Empathie vom Ergebnis des Empathieprozesses her beschreiben und ich differenziere dann zwischen affektiver und kognitiver Empathie.

Können wir uns darauf beschränken, den Unterschied zwischen der affektiven und der kognitiven Empathie näher zu betrachten?

Die affektive Empathie beschreibt das emotionale Mitfühlen mit den vermuteten oder tatsächlichen Emotionen einer anderen Person. Ich fühle etwas sehr Ähnliches wie mein Gegenüber. Das kann Freude, Trauer, Ärger etc. sein. Der Grad der Annäherung an dessen Gefühlslage ist dabei variabel. Sie kann jedoch nie 100 Prozent sein, denn der andere Mensch wird immer ein anderer sein und meine Gefühle können nie dieselben sein. Wenn man diese Differenzierung zwischen sich selbst und dem anderen verliert, dann ist das Ergebnis dieses psychologischen Prozesses nicht mehr Empathie, sondern reine Identifizierung. Und dies kann im Ergebnis zu pathologischen Konsequenzen führen wie etwa emotionale Erschöpfung und Burnout. Gerade in Pflegeberufen wird oft auf diese Gefahr hingewiesen. Wer das Leid der anderen Menschen zu seinem eigenen macht, wird krank.

Bei der kognitiven Empathie verstehe ich die (vermuteten) Gefühle eines Menschen, teile sie jedoch nicht. Diese Ausprägung der Empathie ist eher analytischer Natur. Ich kann beispielsweise erkennen und erschliessen, dass meine Freundin traurig ist, weil sie ihren Partner verloren hat und sie sich grosse Sorgen um die Zukunft macht. Ich muss aber selber nicht auch traurig oder besorgt sein.

Ist Empathie angeboren?

Ja. Empathie gehört zur biologischen Grundausstattung eines Menschen. Diese ist natürlich nicht bei allen Menschen in gleichem Ausmass vorhanden. Die einen sind von Natur aus rezeptiver und mit grösseren empathischen Fähigkeiten versehen als andere. Aber jeder Mensch hat die genetische Veranlagung, empathisch auf andere reagieren zu können. Das hat uns geholfen, als Gruppenlebewesen unser gemeines Überleben zu sichern. Ohne Empathie ist keine Gemeinschaft möglich. Der Einfluss der Gene beeinflusst aber nur zu einem kleineren Teil die Fähigkeit zur Empathie. Sozialisation, Erziehung und Erfahrung sind bedeutender.

Was ist nötig, damit aus einem Kind ein empathischer Mensch wird?

Wie gesagt: die genetische Disposition ist nicht ausreichend. Wir können dies auch mit der Sprache vergleichen: Wer nie jemanden reden hört, wird selbst nie sprechen, auch wenn die Veranlagung vorhanden wäre. Damit ein Kind seine Empathiefähigkeit entwickeln kann ist es wesentlich, dass es in einer Umgebung aufwachsen darf, in der Einfühlungsvermögen und Mitgefühl im sozialen Umfeld durch Eltern und andere Bezugspersonen vorgelebt werden. Kinder bringen anderen eher Empathie und Feingefühl entgegen, wenn sie diese selbst erfahren haben. Sie müssen zuerst lernen, was empathisches Denken und Handeln bedeutet. Empathie zu entwickeln, hört jedoch nie auf. Mit jeder sozialen Aktion lernen wir mehr dazu, auch als Erwachsene.

«Dank unserer Empathiefähigkeit ist es uns möglich, die Schranken der eigenen Egozentrik zu durchbrechen».

Sind Empathie, Mitgefühl und Mitleid dasselbe?

Nein. Diese drei Begriffe stehen sich zwar sehr nahe, aber es gibt wichtige Nuancen.

Empathie setzt voraus, dass ich und mein Gegenüber bis zu einem gewissen Grade dasselbe oder ein ähnliches Gefühl teilen. Man spricht dann auch von einer Konsonanz (Gleichklang, Harmonie) der Gefühle. Machen wir ein Beispiel: Eine Freundin weint, weil ihre Mutter gestorben ist. Das macht mich auch traurig. Empathie ist ein «feeling with».

Das ist beim Mitgefühl anders. Ich muss nicht in derselben Gefühlslage wie mein Gegenüber sein. Es ist ein «feeling for» oder ein «i feel sorry for someone». Es tut mir leid für einen Menschen. Auch hier ein Beispiel: Ich weiss, dass ein Freund von mir Krebs hat. Er selbst weiss noch nichts von seiner Diagnose und fühlt sich im Moment sehr gut. Mir macht der Zustand meines Freundes schwer zu schaffen und es tut mir sehr leid für ihn. Ich verspüre Mitgefühl und bin besorgt um das Wohlergehen meines Freundes, auch wenn er selbst vielleicht noch glücklich ist. Mitgefühl setzt nicht voraus, dass ich und mein Gegenüber das gleiche oder ein ähnliches Gefühl teilen, was bei Empathie eben der Fall wäre.

«Um herauszufinden, ob wir die Gefühle und Gedanken des anderen richtig wahrgenommen haben, müssen wir mit ihm sprechen».

Und Mitleid, wie der Name schon sagt, kann sich nur dann einstellen, wenn ein Leid anwesend ist. Zudem kann Mitleid auch einen negativen Beigeschmack haben. Wenn ich mit einer Person Mitleid habe, dann oft aus einer gewissen Position der Überlegenheit heraus beziehungsweise aus einer Perspektive des Mangels. Ich habe beispielsweise Mitleid mit einem Obdachlosen. Ich bemitleide ihn, weil er kein Dach über dem Kopf hat und denke für mich: «Ach, der Arme. Gott sei Dank geht es mir besser». Das passiert bei Empathie und Mitgefühl nie. Dort begegne ich meinem Mitmenschen steht’s auf Augenhöhe.

Laufen wir nicht Gefahr, unsere eigenen Gefühle und Gedanken auf andere Menschen zu projizieren?

Es kann sein, dass wir beim Versuch, den anderen zu verstehen, uns selbst spiegeln. Wir schreiben ihm Gefühle und Gedanken zu, die wir selbst haben. Das passiert unbewusst. Man nennt das auch: von sich auf andere schliessen. Empathie ist keine Garantie. Wir können uns dem Ergebnis unserer Empathie nie zu 100% sicher sein. Um das Projektionsproblem zu umgehen, gibt es eine Lösung: den Dialog: Um herauszufinden, ob wir die Gefühle und Gedanken des anderen richtig wahrgenommen haben, müssen wir mit ihm sprechen.

Verändert sich Empathie durch die globalisierte Welt? Ist es überhaupt möglich, Empathie für Menschen fern von uns zu haben?

Die Fähigkeit zum wechselseitigen Verstehen hat sich entwickelt, als die Menschen in kleinen Gemeinschaften lebten. Man war voneinander abhängig und gegenseitig empathisches Verhalten hat den Zusammenhalt gestärkt und das Überleben des Einzelnen und der Gruppe als Ganzes gesichert. Durch die Globalisierung und das Internet ist die Welt für jede und jeden von uns zugänglicher geworden. Wir haben unsere Kontakte zu anderen vervielfacht. Die Frage ist berechtigt, ob unsere empathischen Fähigkeiten da mithalten können.

«Kinder bringen anderen eher Empathie und Feingefühl entgegen, wenn sie diese selbst erfahren haben. Sie müssen zuerst lernen, was empathisches Denken und Handeln bedeutet».

Im besten Fall kann Empathie über Kultur- und Ländergrenzen hinweg Verständnis erzeugen und zu sozialem Verhalten motivieren. Das ist der Idealfall menschlicher Empathie. Aber wir müssen realistisch sein. Es ist für uns schwieriger, mit Menschen aus anderen Kulturen und mit anderen Sitten und Wertvorstellungen empathisch zu sein. Empathie trotz räumlicher Entfernung, trotz sprachlicher und kultureller Barrieren zu zeigen, das braucht Zeit und Geduld. Je mehr Informationen wir über andere Menschen haben und je vertrauter wir mit ihren Lebensumständen sind, umso besser können wir uns in ihre Emotionen und Gedanken einfühlen und uns auf sie einstimmen. Und letztlich kann ich Empathie für jeden noch so entfernten Menschen haben, solange ich finde: Was für mich gilt, gilt auch für ihn. Sobald ich den Anderen aber auf Grund von Vorurteilen als zu verschieden wahrnehme, um ihn zu verstehen, wird Empathie erschwert.

Wie geht Krieg, Terror und Verfolgung mit Empathie zusammen? Kann Empathie verdrängt, ausgeschaltet oder ausgelöscht werden?

Ja, das ist möglich. Ich habe dies in meiner Dissertation im Zusammenhang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus untersucht.

Am Anfang steht immer die Entmenschlichung des Gegenübers. Wenn wir uns in Erinnerung rufen: empathisches Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen beruht ja darauf, dass wir ihnen auf Augenhöhe begegnen. Wir sagen: «Du bist ein Mensch wie ich, ebenbürtig und gleichbedeutend. Um diese «Gesetzmässigkeit» auszuschalten hat die nationalsozialistische Propaganda schon sehr früh unliebsame Personen und angebliche Verräter entmenschlicht und als minderwertig dargestellt. Sie wurden als Ungeziefer, Parasiten und Schmarotzer bezeichnet. Wer Ungeziefer ausrottet, begeht keinen Mord an Menschen. So dient die sprachliche Diffamierung und aggressive Rhetorik auch zur Schuldentlastung der Täter. Und die in den Konzentrationslagern entwickelte Art der Tötung von Menschen, diese systematische und mechanistische Vernichtung, zielte letztlich auf die vollständige Auslöschung der Empathie der Soldaten ab.

Wir leben in einer Zeit, in der Empathie als der Schlüssel zur Verbesserung der Welt gilt. Es gibt jedoch auch kritische Stimmen zur Empathie, etwa der kanadisch-amerikanische Psychologe und Kognitionswissenschaftler Paul Bloom mit seinem Buch «Against Empathy». Darin sagt er, dass Empathie zu moralisch falschen Entscheidungen führen würde. Empathie mache die Welt nicht besser. Was sagen Sie dazu?

Ja, ich kenne diese Stimmen. Wie wir gesehen haben, hat unsere Empathiefähigkeit durchaus Schwächen. Zu sagen, dass eine Welt ohne oder mit weniger Empathie eine bessere Welt wäre, halte ich jedoch nicht nur für falsch, sondern für unverantwortlich.

Empathie ist auch für unser moralisches Denken und Handeln zentral. Sie hilft uns, richtige und gute Entscheidungen zu treffen. Dank unserer Empathiefähigkeit ist es uns möglich, die Schranken der eigenen Egozentrik zu durchbrechen und auf die Gefühle und Gedanken von anderen Menschen zu reagieren und uns gegebenenfalls um ihr Wohlergehen zu kümmern.

Ein Beispiel: Wenn ich eine ältere Frau mit Einkaufstüten im Bus stehen sehe, kann ich durch empathisches Empfinden gleichzeitig die Möglichkeit der moralischen Handlung erkennen. Das heisst, ich sehe eine ältere Frau, die müde ist, Hilfe braucht und vielleicht sitzen will. Empathie ermöglicht uns moralisches Wahrnehmen, das zu moralischem Urteilen und schliesslich moralischem Handeln – ich biete der Frau meinen Platz an – führt.

Empathie muss, wie alles andere auch, kontrolliert, dosiert und klug eingesetzt werden. Wenn uns das gelingt, dann trägt Empathie ganz sicher zu einer besseren Welt bei. Zudem hat die zentrale Bedeutung der Empathie auch meinen Blick auf mein eigenes Leben und auf meine Beziehungen zu anderen verändert: Empathie hat die Macht, zwischenmenschliche Beziehungen unter einem neuen Licht erstrahlen zu lassen.

Manuel Camassa hat an der Universität Luzern Philosophie studiert und eine Doktorarbeit zum Thema Empathie geschrieben: «The Shared World. On the Power and Limits of Empathy» (dt. «Die geteilte Welt. Über die Macht und die Grenzen der Empathie»). Zurzeit unterrichtet er an einem Gymnasium in Lugano Philosophie.

close

Werde informiert über neue Beiträge!

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben