Die Kraft der Zuversicht

Der Physiker und Publizist Ulrich Schnabel hat ein Buch über die Zuversicht geschrieben. Im Interview beschreibt er, wie wir es schaffen können, auch in Krisenzeiten den Mut nicht zu verlieren und weshalb ein positiver Blick auf die Zukunft auch und gerade in Zeiten von Corona wichtiger ist denn je.

Text: Esther Wyler

Herr Schnabel, für Sie ist Optimismus oder Hoffnung nicht gleich Zuversicht. Wo sehen Sie Unterschiede?
Im normalen Sprachgebrauch werden diese Begriffe oft bedeutungsgleich verwendet. Deshalb ist es wichtig, diese Verwirrung vorweg zu klären. Optimisten gehen davon aus, dass am Ende schon alles irgendwie gut ausgeht. Darauf richtet sich ihr Optimismus. Schicksalsschläge und Krisen blenden sie eher aus. Werden sie damit konfrontiert, verlieren sie oft den Boden unter den Füssen und werden depressiv. Und Hoffnung ist mehr eine passive Haltung, die auf positive Veränderungen und Hilfe von aussen wartet. Dagegen ist Zuversicht eine Art von innerer Stärke, die sich keine Illusionen über den Ernst der Lage macht und die uns trotzdem ermöglicht, der Angst zu trotzen und jene Spielräume zu nutzen, die sich auftun. Ich muss und kann zuerst selbst aktiv werden und einen Schritt tun. Erst dann entstehen überhaupt die Bedingungen für die Möglichkeit, dass sich eine schwierige Situation vielleicht zum Besseren wendet.

Die Zuversicht hat demnach eine andere Qualität?
Ja. Der Zuversichtliche sieht die Erschwernisse deutlich, lässt sich aber von ihnen nicht lähmen. Diese psychologische Zähigkeit ist zurzeit besonders gefragt. Covid-19 stellt uns vor riesige Herausforderungen und Ungewissheiten. Niemand kann den Verlauf der Pandemie und deren soziale, politische und ökonomische Folgen wirklich vorhersagen. Das müssen wir aushalten und trotzdem versuchen, konstruktive Ideen zum Umgang mit all den Problemen zu entwickeln. Dazu brauchen wir die Kraft der Zuversicht mit einem positiven Blick in die Zukunft.

Am Anfang ihres Buches vergleichen Sie die Corona-Krise mit dem riesigen Tsunami, der am 26.12.2004 auf die Küste des Indischen Ozeans zurollte und am Ende über 200’000 Menschen in den Tod riss. Weshalb?
Ich finde das Beispiel mit dem Tsunami im Indischen Ozean in Bezug auf die Reaktion der Menschen so eindrücklich. Sie standen damals am Strand und haben diese komische Welle auf sich zurasen sehen. Viele haben noch Fotos gemacht. Sie haben die Gefahr überhaupt nicht realisiert, weil dieses Phänomen für sie neuartig und unbekannt war. Die sich anbahnende Katastrophe sprengte den Rahmen ihrer bisherigen Erfahrungen. Mit Corona verlief es ähnlich. Als die Epidemie im chinesischen Wuhan ihren Anfang nahm, schaute die übrige Welt gelassen zu. Viele Experten haben mir damals gesagt: «Damit werden wir schon fertig, wir hatten ja schon einmal diese SARS-Krankheit1.» Niemand konnte sich vorstellen, dass wir schon wenige Wochen später ein Leben unter Kontaktsperre führen würden. Im Umgang mit solchen unbekannten, neuartigen Ereignissen sind wir schlecht. Sie passen nicht in unser Erfahrungsschema. Wir haben damit keine Routine und keinen Vergleich. Deshalb habe ich dieses Beispiel an den Anfang meines Buches gestellt. Weil die Fähigkeit, mit neuartigen und unerwarteten Dingen umzugehen auch unabhängig von Corona zunehmend wichtig wird. Wir sind zurzeit auf verschiedenen Ebenen mit dramatischen Veränderungen konfrontiert: Da sind der Klimawandel und das Artensterben, eine rasante Digitalisierung, eine zunehmende rechtsextreme Radikalisierung, um nur einige zu nennen. Was jahrzehntelang gut und richtig war, hat heute keine Gültigkeit mehr. Und was heute als Gewissheit gilt, ist vielleicht morgen schon durch neue Erkenntnisse überholt. Wir werden uns immer wieder auf völlig neue Situationen einstellen müssen.

Wie begegne ich einer schwierigen Situation mit Zuversicht?
Gerne erzähle ich zu dieser Frage die Parabel von den drei Fröschen, die in den Sahnetopf gefallen sind. Der Pessimist denkt: «Oje, wir sind verloren, jetzt gibt es keine Rettung mehr.» Sagt’s und ertrinkt. Der Optimist gibt sich unerschütterlich: «Keine Sorge, nichts ist verloren. Am Ende wird uns eine höhere Macht retten.» Er wartet und wartet – und ertrinkt ebenso sang- und klanglos wie der erste. Der dritte, zuversichtliche Frosch hingegen sagt sich: «Schwierige Lage, da bleibt mir nichts anderes übrig, als zu strampeln.» Er reckt den Kopf über die Oberfläche und strampelt und strampelt – bis die Sahne zu Butter wird und er sich mit einem Sprung aus dem Topf retten kann. Im übertragenen Sinne heisst dies: Auch wenn die Situation aussichtslos scheint oder die Lage verfahren ist: Nicht aufgeben, sich der eigenen Kräfte versichern und sie gut einteilen – und nachhaltig aktiv werden. Die Zuversicht rechnet auch damit, dass es nicht nur die negativ unerwarteten Dinge gibt wie beispielsweise die Corona-Pandemie, sondern auch positiv unerwartete Ereignisse: ich treffe z.B. plötzlich jemanden, der mir eine Arbeitsstelle anbietet. Dies in sein Denken einzubeziehen, das ist für mich die Kunst der Zuversicht.

Greta Thunberg hat mit ihrem Schulstreik für das Klima die globale Bewegung Fridays for Future ausgelöst. Ist sie ein zuversichtlicher Mensch?
Das ist eine interessante Frage. Sie ist sicher keine Optimistin. Sie macht sich keine Illusionen über den Zustand des Planeten. Sie ist auch keine Pessimistin, sonst hätte sie sich nicht mit einem handbemalten Schild «Schulstreik für das Klima» am 20. August 2018 allein vor das schwedische Reichstagsgebäude gesetzt. Auf ihrem Twitter-Account nannte sie die Aktion «Fridays For Future». Und sie hatte und hat Erfolg. Sie ist aus dem Nichts heraus zum Weltstar geworden und Millionen von Menschen sind ihrem Aufruf gefolgt. Egal, was man von ihr politisch halten mag, das ist eine unglaubliche Leistung für einen einzelnen Menschen. Sie hat einen Nerv getroffen, der viele Menschen umtreibt: den, dass wir wissen, es muss sich etwas ändern. In einem Interview mit Anne Will auf ARD sagte sie: «Ich habe das nicht getan, um eine Bewegung zu starten». Und weiter: «Ich bin eine Realistin, ich sehe Fakten. Ich weiss, was getan werden muss, und dann tue ich es auch. Ich habe keine Zweifel und muss es nicht überdenken. Es gibt keine andere Wahl.» Ihr Handeln wird nicht von der Hoffnung auf einen guten Ausgang getragen, sondern von der Überzeugung, dass es richtig ist, sich so zu engagieren. Sie lebt uns vor, was Zuversicht bewirken kann.

In einem Interview mit dem Spiegel sagt Greta Thunberg: «Aber durch den Streik habe ich einen Sinn gefunden.» Welche Rolle spielt das Erleben von Sinn für die Zuversicht?
Für das Thema Zuversicht ist das Erleben von Sinn von zentraler Bedeutung. Greta Thunberg hat ihre Meinung öffentlich kundgetan und dies war für sie mit Sinn gefüllt. Sie ist nicht dem fast schon reflexartige Argument «Der Einzelne kann eh nichts ausrichten.» erlegen. Hier passt der Satz des tschechischen Menschenrechtlers Václav Havel: «Hoffnung (oder Zuversicht) ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.2

Woher nehmen wir Zuversicht und Lebenssinn?
Ganz wichtig ist zum Beispiel soziale Resonanz – also der Austausch und die Bestärkung durch Andere, Gleichgesinnte. Denn Zuversicht ist ansteckend. Deshalb stärken uns auch die Geschichten von Menschen, die uns die Zuversicht beispielhaft vorleben, Menschen wie Nelson Mandela, Greta Thunberg oder Stephen Hawking, von denen ich in meinem Buch erzähle. Sie können als Vorbilder dienen. Aber der Vergleich mit ihnen soll uns nicht niederdrücken. Sicher muss nicht jeder gleich ein Wahnsinnsprojekt starten oder eine weltweite Bewegung auslösen. Ich sollte mich viel eher fragen, was für mich selbst wertvoll ist. Was macht mir Freude und wofür setze ich mich gerne ein? Ein Beispiel: Ich mache gerne Musik und spiele mässig gut Klavier. Ich bin kein Konzertpianist und werde auch nie einen Preis für mein Klavierspiel bekommen. Trotzdem macht es mir grosse Freude. Ich lasse mich von der Musik inspirieren und arbeite auch immer daran, mich zu verbessern. Das macht für mich Sinn und es fühlt sich gut und richtig an. Ich glaube, solche Dinge muss man wertschätzen und ihnen Raum geben. Denn sie geben uns in schwierigen Zeiten Halt.

Friederich Nietzsche hat einmal gesagt: «Hat man sein Warum des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem Wie.» Wie würden Sie diesen Satz ins Thema einordnen?
Das Warum ist der Sinn. Und wenn ich weiss, warum ich lebe, was für mich Sinn macht, wie ich in Übereinstimmung mit meinen eigenen Werten tätig sein kann, dann gibt mir dies die Kraft, auch durch extreme Widerstände hindurchzugehen. Das ist die Antriebskraft der Zuversicht. Das können wir stark beim jüdischen Arzt und Psychiater Viktor Frankl sehen. Mehrere Jahre musste er in deutschen Konzentrationslagern verbringen und verlor dort seine Frau und seine Eltern. Doch trotz all des Leids, das er sah und erlebte, kam er zu dem Schluss, dass es selbst an Orten der grössten Unmenschlichkeit möglich ist, einen Sinn im Leben zu sehen. Er hat diesen Sinn für sich gefunden und dieser half ihm, die schreckliche Zeit zu überstehen und dabei seelisch heil zu bleiben.3

Für das Thema Zuversicht ist das Erleben von Sinn von zentraler Bedeutung.

Warum hat die Zuversicht gerade in wohlhabenden Ländern heute eher einen schweren Stand?

Weil wir heute nicht mehr das Gefühl haben, dass es immer nur aufwärts geht. Das wirtschaftliche Wachstum nach dem Motto «immer höher, schneller, weiter» sehen wir zunehmend skeptisch. Jahrzehntelang haben Eltern nach dem Motto gelebt: «Meinen Kindern soll es einmal besser gehen». Heute geht es uns tatsächlich mehrheitlich gut. Viele Menschen in den westlichen Industrienationen dürfen sich über einen Wohlstand freuen, von dem andere auf diesem Planeten nur träumen können. Und trotzdem heisst es heute mehr: «Hoffen wir einmal, dass es meinen Kindern nicht schlechter geht als mir selbst.» Verlustängste plagen uns und die Frage steht im Raum: «Was dann und was kommt danach?»

Wie können wir die Zuversicht in uns stärken?
Es gibt kein Pauschalrezept, weil jeder Mensch einzigartig und individuell ist. Doch es gibt schon einige grundlegende Erkenntnisse, die hilfreich sind. Wichtig ist, körperlich und geistig in Bewegung zu bleiben. In diesem Zusammenhang möchte ich das Prinzip der Selbstwirksamkeit erwähnen. Was ist damit gemeint? Im Kern geht es dabei um die persönliche Überzeugung, selbst schwierige Aufgaben, Herausforderungen oder Probleme durch eigenes Handeln wirksam bewältigen zu können.

Und wie kommen wir zu diesem Gefühl der Selbstwirksamkeit?
Es gibt einige wirksame Methoden, die Zuversicht und den Glauben an sich selbst zu stärken. Eine ganz einfache davon ist beispielsweise das Schreiben. Wer in der Lage ist, seine Gefühle oder Erfahrungen zu benennen und zu beschreiben, gewinnt automatisch eine innere Distanz. Statt im Erlebten gefangen zu sein, kann man die Perspektive wechseln und von aussen auf das eigene Leiden blicken. Auch grosse Katastrophen sind oft leichter zu ertragen, wenn man sie schriftlich verarbeitet. Und wir brauchen Verbündete. Wohlwollende Mitmenschen und Gleichgesinnte, mit denen wir reden können. Sich offen über seine Sorgen auszutauschen eröffnet neue Sichtweisen und bringt meist Lösungen zutage. Und wenn wir niemanden haben, mit dem wir uns austauschen können, finden wir Gleichgesinnte auch in Büchern oder Filmen. Dort begegne ich vielleicht Menschen, die etwas ähnliches erlebt haben wie ich. Und ich sehe, wie sie mit bestimmten schwierigen Situationen umgegangen sind. Auch bei künstlerischen Aktivitäten und beim Sport kann ich das beflügelnde Gefühl der Selbstwirksamkeit erleben.

Und vielleicht noch als letzter Tipp: Möglichst keine Nabelschau betreiben, also sich nicht ständig selbst fragen: Wie geht es mir heute? Geht es mir besser oder schlechter als gestern? Wenn wir uns wie unter einem Brennglas betrachten, werden die eigenen Nöte und Sorgen immer grösser. Da ist es gut, ein wenig Abstand zu gewinnen. Etwa indem man sich fragt: Was kann ich trotz meiner eventuell schwierigen Lage für andere tun? Das hilft nicht nur anderen, sondern auch einem selbst.

Zur Zuversicht zu finden bedeutet also ein ganzes Stück Arbeit?
Ja, das alles ist kein Spaziergang. Das klingt jetzt vielleicht so, wenn man darüber redet. Im Sinne von: «Aha, dann machen wir dies oder dann machen wir das und dann geht’s schon wieder aufwärts.» Der Kampf gegen negative Emotionen kann sehr anstrengend sein. Ich sehe mich deshalb auch nicht als «Gutelauneapostel». Das Leben ist mitunter verdammt schwer und manchmal kann man nur wie der Frosch in der Sahne strampeln. Doch dann kann es passieren, dass plötzlich etwas Positives geschieht, mit dem ich nicht gerechnet habe und der Sprung aus dem Sahnetopf möglich wird.


Ulrich Schnabel, geboren 1962, ist studierter Physiker und Publizist. Er arbeitet seit 1993 als Redaktor im Ressort Wissen der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT. Dort bearbeitet er ein breites Themenspektrum, das von der Astrophysik über die Hirnforschung bis zur Geisteswissenschaft reicht. Seine Sachbücher sind Bestseller, seine Arbeiten vielfach preisgekrönt.
Buchtipp:
Ulrich Schnabel. Zuversicht. Wie wir in Krisenzeiten die innere Freiheit bewahren. München 2018 (mit aktualisiertem Vorwort zur Corona-Krise 2020).
Es geht in diesem Buch nicht um den Blick durch die rosarote Brille, sondern um jene Art von Zuversicht, die sich keine Illusionen über den Ernst der Lage macht – und die uns doch in die Lage versetzt, der Angst zu trotzen und jene Spielräume zu nutzen, die sich auftun.

 
  1. Mit Sars-CoV-1 ist die Pandemie in den Jahren 2002/2003 gemeint, mit Sars-CoV-2 die derzeitige. Beide Erreger gehören zur Gruppe der Coronaviren. Von Sars-CoV-1 war die Schweiz kaum betroffen, es gab auch keine Todesfälle []
  2. Und das lebte Havel (* 5. Oktober 1936 in Prag; † 18. Dezember 2011 in Hrádeček, Nordböhmen) konsequent vor. Während der Herrschaft der Kommunistischen Partei war er einer der führenden Regimekritiker der Tschechoslowakei, der für seine Überzeugungen immer wieder ins Gefängnis musste. Doch er blieb sich treu und war in den 1970er-Jahren einer der Initiatoren der Bürgerrechtsbewegung Charta 77, die schliesslich zur «samtenen Revolution» 1989 führte – und zur Wahl Havels als Staatspräsident.» []
  3. Viktor Frankl (* 26. März 1905 in Wien; † 2. September 1997 ebenda) schrieb nach der Rückkehr aus dem KZ in kürzester Zeit das mittlerweile millionenfach aufgelegte Buch «…trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager». Vor allem in den USA zählt dieses Buch zu den bedeutendsten der Geschichte. []

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