Autismus und Berufsausbildung

Junge Menschen aus dem Autismus-Spektrum können mit ihren ganz spezifischen Fähigkeiten die Arbeitswelt bereichern. Stephanie Zurbuchen, GEWA-Ausbildungscoachin, sagt uns, worauf es in der Begleitung und Betreuung von Autismus-Betroffenen während der Ausbildung ankommt.

Text: Esther Wyler

Stephanie, was ist deine Aufgabe als Ausbildungscoachin in der GEWA?

In erster Linie begleite ich junge Menschen, die in der GEWA eine Lehre absolvieren. Das Ziel ist es, ihnen einen erfolgreichen Lehrabschluss mit einer guten beruflichen Anschlusslösung zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang habe ich verschiedene Rollen und Aufgaben.

Welche sind das?

Gegen aussen bin ich Ansprechperson für die Invalidenversicherung oder andere Auftraggeber:innen, die uns die auszubildenden Personen im Rahmen von beruflichen Massnahmen zuweisen und die Ausbildung auch finanzieren. Bei mir liegt die ganze Fallführung. Dazu gehören das Verfassen von Verlaufsberichten und die Organisation und Leitung von regelmässigen Standortgesprächen. Weiter pflege ich den Kontakt zum unterstützenden Umfeld der Lernenden. Das können Ärzt:innen und Therapeut:innen sein, aber auch Personen aus dem Bereich Wohnen und die Familie, wenn jemand noch nicht volljährig ist.

Innerhalb der GEWA arbeite ich eng mit den jeweiligen Berufsbildner:innen zusammen, welche die Verantwortung für die fachliche Ausbildung haben. Mit den Lernenden führe ich regelmässig Gespräche, um sie in herausfordernden Situationen zu begleiten. Manchmal habe ich auch eine vermittelnde Rolle zwischen Lernenden und Teamleiter:innen. Ich muss den Überblick haben und wissen, in welchen Situationen ein Einbezug und eine Zusammenarbeit wichtig sind, damit wir die jungen Menschen in der Lehre optimal unterstützen können.

Wenn du die Begleitung einer auszubildenden Person übernimmst, was weisst du über deren psychische Herausforderungen? Welche Rolle spielt für dich in diesem Zusammenhang die Diagnose?

Ich erhalte entsprechende Unterlagen von der Invalidenversicherung. Wir können auch nachfragen, wenn wir Zusatzauskünfte benötigen. Die Diagnose steht bei mir jedoch nicht an erster Stelle, denn sie ist häufig defizitorientiert. Ich möchte zuerst den Menschen kennenlernen. Jede auszubildende Person hat ihre ganz eigene Persönlichkeit und Geschichte, ihre spezifischen Ressourcen und Herausforderungen, ihre individuellen Bedürfnisse. Das steht für mich im Zentrum und darauf richte ich vor allem meine Aufmerksamkeit. Da wird man manchmal auch ein wenig zur Goldgräberin. Wenn ich jemandem die Rückmeldung geben kann, «hey, da hast du eine Fähigkeit, auf die du aufbauen kannst», dann gibt dies dem:der Auszubildenden ein Gefühl von Kontrolle, Selbstwirksamkeit und die Gewissheit, etwas im Leben bewirken zu können. Es ist mir ganz wichtig, auch kleine Entwicklungsschritte aufzeigen zu können, egal, welche Diagnose jemand hat.

Begleitest du auch Menschen aus dem Autismus-Spektrum?

Ja, unter meinen Lernenden sind auch Menschen mit einer autistischen Wahrnehmung. Autismus ist ein Spektrum und das bedeutet, dass Betroffene sich sehr voneinander unterscheiden. Ich muss mich jeweils mit dem einzelnen Menschen auseinandersetzen, um herauszufinden, in welchem Bereich er oder sie speziell herausgefordert ist und welche Ressourcen vorhanden sind, auf denen wir aufbauen können.

Welche Berufe können junge Menschen in der GEWA wählen?

Die GEWA hat ein vielfältiges Angebot an Lehrstellen in verschiedenen Branchen. Sie können Berufe aus den Bereichen Betriebsunterhalt, Detailhandel, Gartenbau, Gastronomie, Informatik, kaufmännische Ausbildungen, Logistik, Reinigung, Strassentransport und Interactive Media Designer auswählen.

Welche typischen Herausforderungen haben Menschen aus dem Autismus-Spektrum?

Den Autisten oder die Autistin gibt es nicht. Jeder Mensch ist anders und so verhält es sich auch mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum. Für viele von ihnen stellen jedoch soziale Situationen eine Herausforderung dar. Ich hatte einmal einen Lernenden, der hat ohne Punkt und Komma über seine Interessen gesprochen und zum Teil indiskrete Fragen gestellt. Er hatte kein Gespür für Nähe und Distanz in sozialen Beziehungen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Person, die in einem Gespräch keinen Blickkontakt halten kann und kaum spricht. Das sind zwei unterschiedliche Beispiele, aber in beiden Fällen ist die Herausforderung die soziale Situation. Zudem zeigen Menschen aus dem Autismus-Spektrum häufig Mühe mit Veränderungen und Unvorhersehbarkeiten, wenn etwas nicht nach einem vorher bekannten Plan abläuft.

Wie gehst du als Ausbildungscoachin mit solchen Besonderheiten um? Hast du ein Beispiel?

Ich betreue u.a. Lernende im Ausbildungsfeld Betriebsunterhalt. Gerade dort ist ein Arbeitsalltag in der Regel nicht von A bis Z planbar. Etwa kann es bei der Reinigung zu Verzögerungen und unvorhergesehenen Ereignissen kommen, wenn beispielsweise ein WC verstopft ist. Das sind für Lernende mit autistischer Wahrnehmung unangenehme Situationen, welche sie blockieren und überfordern können. Solche Situationen erfordern Flexibilität und eine hohe Anpassungsleistung. Menschen mit autistischer Wahrnehmung hilft es, eine Vertrauensperson im Rücken zu haben, die Sicherheit gibt und hilft, gewisse Hürden zu überspringen. Das kann die vorgesetzte Person am Arbeitsplatz, ein Berufsbildner oder eben ich als Ausbildungscoachin sein. Dann wird oft vieles möglich.

«Jede auszubildende Person hat ihre ganz eigene Persönlichkeit und Geschichte, ihre spezifischen Ressourcen und Herausforderungen, ihre individuellen Bedürfnisse. Das steht für mich im Zentrum und darauf richte ich vor allem meine Aufmerksamkeit.»
(Stephanie Zurbuchen)

Wenn Jugendliche aus dem Autismus-Spektrum in der GEWA eine Lehre machen möchten: Wie finden wir heraus, was für sie passend wäre? Worauf ist bei der Berufswahl zu achten?

Häufig ist es so, dass Menschen mit autistischer Wahrnehmung spezifische Interessen haben. Sie können sich in einen bestimmten Bereich vertiefen, sich dort ein grosses Wissen aneignen und mit viel Energie und Leidenschaft an einem Thema dran bleiben. Wenn sich diese Interessen mit einem Berufsfeld und einer Ausbildung decken, die wir anbieten, dann ist das natürlich ideal. Dies ist aber nicht immer der Fall. Deshalb bieten wir fünftägige Schnuppereinsätze an, wenn nötig auch in mehreren Berufsfeldern. Auszubildende können so Einblicke in einen bestimmten Beruf gewinnen und wir können gleichzeitig herausfinden, ob jemand mit seinen Fähigkeiten und spezifischen Herausforderungen für eine bestimmte Ausbildung tatsächlich geeignet ist.

Manchmal haben Lernanwärter:innen falsche Vorstellungen von einem Beruf. Sie denken, dass beispielsweise Logistiker:innen immer Gabelstapler fahren dürfen oder sie sich in der Informatik nur auf einen Bildschirm zu konzentrieren haben. Da müssen wir den Realitätscheck machen. So ist zum Beispiel in unserer Logistik viel Handarbeit gefragt und der Gabelstapler kommt nur selten zum Einsatz. Informatiker:innen im PC-Support müssen auch auf Menschen zugehen und mit ihnen sprechen können. Weiter gibt es Menschen mit autistischer Wahrnehmung, die überempfindlich auf bestimmte Reize wie grelles Licht und Lärm reagieren. Eine Logistikhalle mit viel Unruhe und einem hohen Lärmpegel wäre möglicherweise für eine solche Person eine Überforderung. Die jungen Menschen sollen sich mit der Realität eines Berufes auseinandersetzen können und die Ausbildungsverantwortlichen müssen abschätzen, ob eine bestimmte Lehre dann auch Sinn macht. Deshalb sind die Schnuppereinsätze so wichtig.

Ist es schwierig, für Lernende aus dem Autismus-Spektrum nach Beendigung der Ausbildung gute Anschlusslösungen zu finden?

Einfach ist es nicht. Nicht alle haben nach der Lehre auch einen Arbeitsplatz im ersten Arbeitsmarkt. Deshalb ist es wichtig, Lernende gezielt an die «normale» Arbeitswelt heranzuführen. Das passiert bereits während der Ausbildung. Es ist ein schrittweiser Prozess und beginnt damit, dass unsere Auszubildenden bei Firmen und Institutionen im allgemeinen Arbeitsmarkt Praktikumseinsätze machen können. Dadurch gewinnen wir wertvolle Informationen, wie sie mit den Anforderungen ausserhalb eines geschützten Rahmens zurechtkommen. Nach Lehrabschluss werden unsere Leute bei der Stellensuche intern zusätzlich durch einen sogenannten Job Coach betreut. Er unterstützt die Lernenden bei den Stellenbewerbungen und sucht auch aktiv nach passenden Stellen. Kommt es zum Abschluss eines Arbeitsvertrages, gibt es auch noch die Möglichkeit für ein weiterführendes Job Coaching am neuen Arbeitsort, um den Einstieg in die Arbeitswelt zu erleichtern und mittelfristig möglichst abzusichern.

«Unser Auftrag ist es, zu fördern und zu fordern. Wir wollen junge Menschen nicht in Watte packen, sondern ihnen etwas zutrauen und sie so weiterbringen.»

Kannst du uns eine Erfolgsgeschichte präsentieren?

Ja, ich habe ein schönes Beispiel einer Erfolgsgeschichte. Ich begleite einen Lernenden aus dem Autismus-Spektrum, bei dem zuerst eine Berufsabklärung durchgeführt wurde, die dazu geführt hat, dass er letzten Sommer die zweijährige Lehre zum Unterhaltspraktiker EBA beginnen konnte.

Am Anfang hatte er Mühe, sich zu öffnen, und war in vielen Bereichen sehr unsicher. Seine Eltern haben ihn stark behütet und traten mit der Erwartung an uns heran, dass wir das Arbeitsumfeld den Bedürfnissen des Sohnes anpassen. Dem konnten wir so nicht entsprechen. Hier wird deutlich, wie wichtig es ist, dass ich als Ausbildungscoachin mit den Eltern einen guten Kontakt habe und ihnen aufzeigen kann, was in einer Lehre möglich ist und was nicht. Wir müssen auch den Eltern die Sicherheit geben können, dass wir unsere Sache verstehen und ihr Kind in einem guten Masse fördern und fordern. Nur so können wir Lernende auch sinnvoll auf das Arbeitsleben vorbereiten. Nach etwa drei Monaten ist es dem Lernenden gelungen, sich zu öffnen, und er ist richtig aufgeblüht. Er konnte Vertrauen zu uns aufbauen und wusste, dass wir hinter ihm stehen, wenn es zu Herausforderungen kommt. Mittlerweile sind wir so weit, dass er im kommenden Sommer in einer Firma im ersten Arbeitsmarkt eine dreijährige Lehre zum Fachmann Betriebsunterhalt EFZ beginnen kann.

Nicht immer läuft es so optimal ab. Das Beispiel zeigt jedoch, wenn das Setting stimmt, ist vieles möglich. Die Eltern haben gemerkt, dass sie ihrem Kind etwas zutrauen und Verantwortung abgeben können. Unser Auftrag ist es, zu fördern und zu fordern. Wir wollen junge Menschen nicht in Watte packen, sondern ihnen etwas zutrauen und sie so weiterbringen. Es ist immer eine Herausforderung, eine Entwicklung anstossen zu können. Es braucht Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Auch wir im Ausbildungscoaching müssen stets zuerst herausfinden, wo ein Weg hinführen kann und was möglich ist.

Stephanie Zurbuchen ist ausgebildete Psychologin und arbeitet in der GEWA als Ausbildungscoachin. Sie begleitet junge Menschen während der Lehre.

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